Chirurg, Junkie, Serienheld

Regie-Meister Steven Soderbergh hat sich vom Kino verabschiedet. Nun hat er mit «The Knick» eine blutige TV-Serie gedreht.

Beleuchtet eine vergangene Epoche: Soderbergh-Serie «The Knick».


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Gross war das Staunen, als Regisseur Steven Soderbergh verkündete, keine Filme mehr zu drehen. Das war vor gut einem Jahr. Der Ausnahmekönner, dem Thriller, Dramen und Komödien gleich leicht von der Hand gehen, liess ausrichten, er sei frustriert von den Produktionsbedingungen in der Filmbranche. Er wolle fortan malen und fürs Fernsehen drehen.

Nun ist Soderberghs TV-Serie «The Knick» angelaufen. Schon die Eröffnungsszene trägt die eigenwillige Handschrift des 51-Jährigen. Ein Mann im New York des Jahres 1900 vergnügt sich in einer Opiumhöhle, dazu pumpt ein düsterer Elektrotrack. Völlig benebelt schleppt er sich in den frühen Morgenstunden heimwärts. Dort spritzt er sich – um ruhig schlafen zu können – Kokain in den Fuss. Es folgt ein Bildschnitt, dann sehen wir denselben Mann während einer komplizierten Operation. Er ist Chirurg, ein verdammt guter dazu. Jedenfalls doziert er während der Operation vor einem ausgewählten Publikum.

«The Knick» ist die etwas andere Krankenhausserie. Sie zeigt eine Zeit aus der Medizingeschichte, wo die Chirurgie noch nicht viel weiter war als im Mittelalter. Die Ärzte operieren mit primitiven Instrumenten und ohne Mundschutz. Ein Kaiserschnitt, wie er zu Beginn der Serie gezeigt wird, ist eine ebenso blutige wie tödliche Angelegenheit. Soderbergh weiss um das Splatterpotenzial solcher Szenen und schöpft es genüsslich aus. Wenn die Ärzte eine Bauchdecke öffnen, sieht man, wie literweise Blut abgezapft wird, und im Hintergrund ist ein unheimliches Kurbelgeräusch zu hören. Grusliger noch ist der Gedanke, dass solche Szenen vor nur 100 Jahren normal waren.

Ein weiterer Antiheld

Ähnlich wie die Serien «Mad Men» oder «Masters of Sex» beleuchtet «The Knick» eine vergangene Epoche. Das Medium der Fernsehserie eignet sich dafür hervorragend; es erlaubt einen sorgfältigen und differenzierten Blick in eine Zeit und ein Milieu, die heute weitgehend vergessen sind. Fast schon revisionistisch mutet «The Knick» dann an, wenn gezeigt wird, wie ein schwarzer Arzt von den weissen Berufskollegen aufs Gröbste rassistisch verunglimpft wird: Eine Abrechnung mit der vermeintlich fortschrittlichen amerikanischen Wissenschaftsgilde.

Im Kern handelt «The Knick» von der Figur des drogensüchtigen Chirurgen. John Thackery ist sein Name, und er ist eine Art Belle-Epoque-Version von Dr. House: unendlich begabt, aber ein Unsympath und Misanthrop erster Güte. Einer, der alle heilen kann, ausser sich selbst. Und so demütigt er – grossartig gespielt vom englischen Schauspieler Clive Owen – naive Krankenschwestern genauso wie den afroamerikanischen Arzt Dr. Edwards. Thackery ist das jüngste Beispiel der seit Jahren populären TV-Antihelden wie Walter White («Breaking Bad») oder Tony Soprano («The Sopranos»).

Weil die Figuren rund um Thackery wandelnde Klischees sind, funktioniert die Serie allerdings nur bedingt. Der Spitaladministrator kommt so fies daher, wie man es von einem Bürokraten erwartet. Die Krankenschwester, die sich in Thackery verliebt, ist herzensgut wie Mutter Theresa. Und so wie es aussieht, dürfte Thackery den Zynismus bald ablegen und seine positiven Charakterzüge entdecken.

Dass man als Zuschauer dennoch dran bleibt, ist vor allem der Bildsprache zu verdanken, für die Soderbergh als Kameramann selbst verantwortlich ist. Das harsche Leben im vormodernen New York ist mit viel kaltem, bläulichem Licht eingefangen. Das Blut fliesst dickflüssig und dunkelrot in hellweisse Emailschalen. Die Kamera ist nahe am Geschehen und liefert ihre Bilder aus auffallend flachen Winkeln.

Kino, heisst es, sei das Medium der Regisseure, während die Autoren sich in TV-Serien hervortun, wo sie an komplexen Plots und Charakteren werkeln können. In «The Knick» ist es für einmal genau umgekehrt. Das ist ein Kompliment für Soderbergh, doch der grosse Triumph im Serien-Geschäft wird ihm von einem enttäuschenden Drehbuch zunichte gemacht. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.08.2014, 10:53 Uhr

TV-Serie «The Knick»

Zehn Folgen hat die erste Staffel, sie ist in den USA bei der HBO-Tochter Cinemax zu sehen und jeweils einen Tag später im deutschen Pay-TV auf Sky. Die erste Folge steht auf Youtube (siehe unten).

The Knick - die ganze Pilotfolge

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