Als es noch TV-Brunz gab

Nachruf

Ade, Kurt Felix. Ade, Kalter Krieg im Kulturmilieu.

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Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Nach dem Tod von Kurt Felix brachte die Zeitung «Der Sonntag» ein Interview mit Christoph Blocher. Es machte klar, wie nah der Fernsehmann und der Rechtspopulist sich privat und weltanschaulich gestanden hatten. Morgen findet in St. Gallen ein öffentlicher Gottesdienst zum Abschied von Felix statt – auch da dürfte Politik mitschwingen: Die Vita des St. Gallers spiegelt den Kalten Krieg im Kulturmilieu.

Dessen Merkmal war die Zäsur zwischen E und U. Liedermacher Tinu Heiniger sang 1979 übers Trio Eugster: «Das isch dä Unterhaltigsbrunz, wo hie us jedem Chaschte louft.» Das passte auch auf TV-Grössen wie Kurt Felix. Oder auf Komödiant Walter Roderer, mittlerweile ebenfalls verstorben und ebenfalls der SVP zugeneigt.

Apolitischer Humor

Roderer machte in seinen Fernsehschwänken den Kleinbürger liebenswert. Jenes Klassenwesen, das der harte Sozialist hasste, weil es nur an sich denkt statt an die Revolution. Kurt Felix forcierte den naiven Lacher; seine Kunst gipfelte in den Spässen der versteckten Kamera, wo ein Lift Ahnungslose in eine Dusche mit Nackten spediert. Solch apolitischer Humor machte Linke rasend. Ihre Anspruchs-Ästhetik nährte sich an Brecht, der in der Nazi-Ära geschrieben hatte: «Was sind das für Zeiten, wo/ Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist/ Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst.»

Das Fernsehen war demnach politisch bedenklich. Speziell am Samstagabend. Gestalten wie Roderer und Felix, beliebt bei einfachen Leuten, sahen sich von den Intellektuellen ausgegrenzt. Sie fanden ihre Kompensationsheimat bei den Rechten, besonders bei Blocher. Und sie wehrten sich. «Moralgeschwängerter Glotz-Gendarm»: So nannte Felix den Typus des 68er-Kulturkritikers.

Entspannung

Das ist Geschichte. Heute mischen sich gerade im Fernsehen Progressiv und Retro, Hoch-, Pop- und Spasskultur. Nik Hartmann wandert cool, Roman Kilchsperger jasst urban. Andreas Thiel macht Kabarett von rechts, Beat Schlatter schwingt von links. Und Viktor Giacobbo stieg auf mit politisch unkorrekten Figuren wie dem Inder mit dem kuriosen Zungenschlag. Die Kultur hat sich entspannt. Die Namen Felix und Roderer erinnern an eine Epoche, als es anders war.

Tages-Anzeiger

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