Eine Frage des Anstands

Gewaltbilder auf Twitter sind fehl am Platz. Im Fall des abgeschossenen Flugs MH 17 wurde eine wichtige Grenze überschritten.

Der Schrecken im Bild: Diese Aufnahme eines russischen TV-Senders sorgte im Twitterland Schweiz für Empörung. (Bild: Screenshot Twitter, nachträglich verpixelt)

Der Schrecken im Bild: Diese Aufnahme eines russischen TV-Senders sorgte im Twitterland Schweiz für Empörung. (Bild: Screenshot Twitter, nachträglich verpixelt)

Christian Lüscher@luschair
Jan Rothenberger@janro

Ein Bild verstörte vergangene Woche Schweizer Twitternutzer. Es zeigt Leichen, Todesopfer des über der Ostukraine abgeschossenen Flugzeuges MH 17. In Umlauf brachte das Bild ein Journalist. Für sein Handeln erntete er im Netz Empörung: Die Verbreitung sei geschmacklos und unangemessen gewesen. Er verteidigte sich, fordert den schonungslosen Umgang mit Kriegsbildern. Er wolle die Menschen wachrütteln.

Was darf man auf Twitter? Darf man Bilder, die das Grauen des Krieges zeigen, veröffentlichen? In den sozialen Medien ist jeder ein Publizist und keiner formellen ethischen Selbstverpflichtung unterworfen. Wer nicht gemeldet wird oder dem Betreiber auffällt, kann verbreiten, was er will. Die Verantwortung liegt beim Nutzer.

Nur Leid zeigen zu wollen, reicht nicht

Ging der Journalist im besagten Fall zu weit? Ja. Gute Pressebilder lösen Emotionen aus, lassen scheinbare Wahrheiten hinterfragen und dürfen verstören. Aber: Sie wahren auch den Respekt vor Schutzlosen, stillen nicht nur Lust am Grusel, sind nicht Selbstzweck. Den Schrecken im Bild zu zeigen, kann legitim sein: Wenn ein Bild dokumentarischen Wert hat, Zeitgeschichte markiert und belegt. Oder wenn die journalistische Pflicht vorgeht, weil eine Wahrheit ans Licht muss. Wenn beispielsweise ein sauberer Krieg propagiert wird, der nur «die Bösen» trifft, die Realität aber anders aussieht: Bilder aus Vietnam oder das Wikileaks-Video aus dem Irak demonstrieren das.

Nur Grauen erfahrbar machen zu wollen, leistet aber keinen Diskussionsbeitrag. Nur Leid zeigen zu wollen, reicht nicht. Das war im Fall der abgestürzten Maschine MH 17 der Fall, es gab keinen Erkenntnisgewinn, und es wurde kein falscher Narrativ entkräftet: Niemand zweifelt den Horror des Absturzes an, niemand legitimiert einen möglichen Abschuss, niemand bestreitet das Leid der Angehörigen, niemand nähme die Täter in Schutz.

Nährboden für Verschwörungstheorien

Das Bild via Twitter zu verbreiten, war aus journalistischer Sicht falsch. Denn das Bild wurde ausgerechnet dann in die weite Welt des Internets geschickt, als die Informationslage so oder so sehr dünn war. Über das Bild selbst und den Urheber war nichts zu erfahren. Das Bild wurde im Kontext von weniger als 140 Zeichen und ohne Einordnung verbreitet. Das ist gefährlich: Die Anziehungskraft brutaler Bilder ist gross. Sie lösen im ersten Moment Empörung aus, werden durch einen Klick auf den Retweet-Button weiter verbreitet. Der Impuls diktiert den Diskurs.

Im Fall des auf Twitter in Umlauf gebrachten Bildes kommt hinzu: Ohne Kontext sind solche Schreckensbilder Nährboden für Verschwörungstheorien. Im Netz ist der visuelle Analphabetismus weit verbreitet. So konnte man im Netz beobachten, wie Gruppen ernsthaft darüber diskutierten, ob die Aufnahme denn nicht nachgestellt wurde für Propagandazwecke.

Im Zweifelsfall den Klick bleiben lassen

Auf Twitter Opfer von Gewalt auf diese Weise auszustellen, ist falsch. Das liegt auch an den Limitationen des Mediums: Twitter ist hervorragend geeignet, wenn es um Textinformationen geht, als Verstärkermedium für Diskussionen, für die Verlinkung von Inhalten. Für Bilder, die Einordnung benötigen, dagegen nicht. Auf den sozialen Medien gibt es keinen allwissenden Polizisten, der bei Missbrauch rechtzeitig einschreitet. Wer schauerliche Inhalte publiziert, mutet seinen Kontakten diese zu, ohne dass sie sich vorab dagegen wehren können. Und noch wichtiger: Angehörige und Opfer können sich überhaupt nicht vor der Verbreitung schützen.

Zum seriösen Journalismus gehört der Mut, Bilder, die andere zeigen, bewusst wegzulassen. Für Twitternutzer gilt im Idealfall dieselbe Selbstverpflichtung. Auch im Zeitalter des Internets und der radikalen Demokratisierung der Information. Nutzer sollten ihre Impulse kontrollieren – und im Zweifelsfall den Klick bleiben lassen.

Was darf auf Twitter oder Facebook gezeigt werden? Was nicht? Diskutieren Sie mit uns über dieses brisante Thema.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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