Ein Denker, der in den Abgrund blickte

Im Historischen Museum Basel ist eine inspirierende Ausstellung über Friedrich Nietzsche zu sehen. Seine Philosophie verstört nach wie vor.

Schon mit 24 Jahren wurde Friedrich Nietzsche Professor in Basel. Foto: Getty Images

Schon mit 24 Jahren wurde Friedrich Nietzsche Professor in Basel. Foto: Getty Images

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Als sich die ersten Vorläufer seiner geistigen Umnachtung bemerkbar machten, schrieb Friedrich Nietzsche am 6. Januar 1889 aus Turin an seinen Kollegen und Freund Jacob Burckhardt: «Lieber Herr Professor, zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen.» Damit hat der Philosoph, der den Tod Gottes verkündete, dessen Stelle gleich selbst eingenommen. Der längste der sogenannten Wahnbriefe entwickelt sich dann zusehends weg von solch selbstironischen Passagen hin zu wirren Ausführungen.

Dieser bemerkenswerte Brief findet sich in «Nachwelten», der dritten und letzten Abteilung der Ausstellung «Übermensch. Friedrich Nietzsche und die Folgen» in der Basler Barfüsserkirche. Hier sind auch Kritzeleien aus seiner Zeit in der Psychiatrie zu sehen und eine neu entdeckte, noch nie ausgestellte Totenmaske Nietzsches. Sie zeigt ein in sich zusammengefallenes Gesicht, das noch völlig frei ist von den späteren Retuschen zur Heroisierung des Denkers. Zu dieser beigetragen hat vor allem seine Schwester Elisabeth Förster, die mit Eingriffen in sein Werk dafür sorgte, dass es für die nationalsozialistische Ideologie kompatibel wurde.

Frei von Heroisierungsretuschen: Die neu gefundene Totenmaske Nietzsches. Foto: PD

In den Abteilungen «Lebenswelten» und «Denkwelten» hat der Kurator Benjamin Mortzfeld über 70 Exponate zusammengetragen, deren Bedeutung und Kontext auch an Audio- und Videostationen erläutert werden. So stellt die sehenswerte Ausstellung, die auch für Laien und Neueinsteiger geeignet ist, einen genialisch begabten, jungen Mann vor, der mit nur 24 Jahren Professor für Philologie in Basel wird. Schnell knüpft er Kontakt mit hiesigen Gelehrten wie Jacob Burckhardt oder Johann Jakob Bachofen und reist häufig an Wochenenden nach Tribschen, um Richard Wagner zu besuchen – ein anregendes Milieu für einen Philosophen.

Ausgestellt ist auch die berühmte Peitschenfotografie, die 1882 im Fotoatelier von Jules Bonnet in Luzern entstand: Die attraktive Lou von Salomé sitzt auf einem Leiterwägelchen und treibt Friedrich Nietzsche und Paul Rée, die beide um ihre Gunst werben, mit einer Peitsche an. Die platonische Dreiecksbeziehung hielt allerdings nicht allzu lange: Aufgewühlt verlässt Nietzsche die Liebesgemeinschaft, die wohl zu viel der Umwertung aller Werte für ihn bedeutete.

Frau mit Peitsche: Lou von Salomé mit ihren Verehrern Paul Rée und Friedrich Nietzsche im Jahr 1882. Foto: PD

In «Denkwelten» schliesslich werden zentrale Begriffe der Philosophie Nietzsches kurz und knapp erklärt: Was meint«Übermensch»? Was bedeutet der «Wille zur Macht»? Und was ist gemeint mit der «Wiederkehr des ewig Gleichen»? Zudem sind auf der gesamten Ausstellungsfläche Leuchtkästen verteilt, auf denen bekannte Aphorismen und Sentenzen Friedrich Nietzsches in grellen Farben prangen. Sie sind so gut ausgewählt, dass man einhalten – und aufpassen muss. Denn beileibe nicht alles, was der grosse Stilist verfasst hat, widerspiegelt seine Meinung: Manchmal spricht Zarathustra, manchmal eine alte Frau («Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!»).

Am Schluss darf jeder Besucher seinen Lieblingsaphorismus an einer Konsole ausdrucken und mitnehmen. Die Auswahl reicht von «Du sollst der werden, der du bist» über «Überzeugungen sind Gefängnisse» bis «Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein».

Friedrich Nietzsche hat Letzteres getan und ein philosophisches Werk hinterlassen, das uns weiterhin fasziniert und fesselt: Es bringt ein Denken zur Sprache, das aus Quellen schöpft, die unberechenbar, ja gefährlich sind. Dass der Erfolg ausblieb, konnte den Professor, der sich aus gesundheitlichen Gründen bereits mit 34 Jahren pensionieren liess, nicht davon abhalten, seinen aufklärerischen Weg in die Dunkelheit zu gehen. «Erst das Übermorgen gehört mir. Einige werden posthum geboren.» Er sollte recht bekommen.

Die Ausstellung in der Barfüsserkirche dauert bis 22. März 2020. Der Katalog zur Ausstellung mit 35 Essays zu Friedrich Nietzsche kostet 44 Fr.

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