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Rund um Amstetten

Ich hatte einen Anfall von Prüderie. Und ich denke jetzt, es gibt keinen Zufall.

Das kam so: Diese Woche war ja fernsehmässig bestimmt von den Fragen nach dem Inzest von Amstetten bzw. nach der österreichischen Gewohnheit, Menschen in Kellern zu halten (zum Beispiel deutete das belgische Fernsehen da sehr früh eine moralische Verlotterung des Alpenlandes an; die haben es nötig, die Belgier; noch ein Wort, und ich erzähle den Witz vom Maulwurf, der sich durch einen Brüsseler Vorgarten gräbt). Die forensischen Psychologen standen Schlange und umspielten das von den ins Bild tretenden Reportern vorgegebene Thema: dass dieser Fall von unbeschreiblicher Scheusslichkeit sei. Und dann beschrieben sie ihn doch; es war stärker als sie. Platons Höhlengleichnis und Kaspar Hauser wurden angeführt, und die Bestie Mensch hiess Fritzl. Der Polizeichef von Amstetten entschuldigte sich, dass ers ihr nicht gleich angesehen hat. Man sah wortreich sprachlose Moderatoren seelisch bewegte Korrespondenten befragen und mit Mühe ihre Überleitungen finden («und nun zur Wirtschaft ...»). Natascha Kampusch meldete sich freiwillig zur Opferhilfe. Alle meinten es gut, aber aus den Opfern, die nicht zur Verfügung standen, begannen schon schlohweisse dramatische Projektionen zu werden und aus den Realitäten die kommenden Filme darüber.

Allerdings schienen sie mir noch nicht rezensionstauglich: zu viel unordentliche Fürchterlichkeit für ordentliches Fernsehen. Deshalb wollte ich diese Kolumne dem Zufall überlassen, an dessen Harmlosigkeit und guten Geschmack ich glaubte, und liess vor drei Tagen aus ca. einem Meter Höhe einen Kugelschreiber spitzvoran auf mein Fernsehprogramm fallen. Er traf aber eine Sendung von «Spiegel TV» mit dem Titel «Wenn das die Nachbarn wüssten» (Vox). Sie handelte von erotischen Erlebniswelten und pornografischen Privatgeschäften in gutbürgerlichen Umgebungen, insbesondere in Wien und Graz.

Es waren sehr gut gelaunte Geschichten an einem Tag, an dem alle Nachrichten- und Sondersendungen gefordert hatten, die Welt müsse jetzt einmal ihren lüsternen Atem anhalten. Ich lernte den Zwölfjährigen eines Website-Betreiberpaars kennen, bei denen für 120 Euro im Monat die «geile Ina» inseriert; er sagte, er stehe zum Beruf der Eltern. Ich sah den Besitzer eines Swingerclubs, einen Rentner und rechten Sauniggel namens Stockinger, eine Kreuzkonstruktion präsentieren, an die nackte Frauen zur gefälligen Manipulation kopfüber gefesselt werden; seine Frau, die von den Kunden «Mutti» genannt wird, sagte, alles stehe und falle halt mit der Atmosphäre. Und ich machte die Bekanntschaft eines Grazer Pornodarstellers, der gerade einen Preis für die beste Analszene erhalten hatte; die Mutter sagte, Kinder blieben immer Kinder und so ein Bub hätte ja auch ein Verbrecher werden können oder, gottbehüte, homosexuell.

Man könnte sagen, eine verrohte Programmleitung habe da nicht richtig reagiert, beispielsweise mit einer Ersatzdokumentation über Pandabären. Oder Amstetten sei doch nicht die ganze Welt. Aber so einträchtig, wie da ein Missbrauch und ein Preis für Analverkehr beieinander wohnten, nahm ich es als Zeichen für ein höheres Wirken: Es muss eine televisionäre Kreativkraft an einem Gesamtkunstwerk arbeiten, in dem sich moderne Tragödien und ihre Satyrspiele vereinigen. Und über kurz oder lang (eher kurz) wird auch die Amstetter Geschichte in diesem Unterhaltungszusammenhang aufgehen. Nein, ich glaube nicht mehr an den Zufall.

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