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Piratinnen

History Channel

Das Fernsehen in seiner öffentlich-rechtlichen Gesamtheit besteht derzeit hauptsächlich aus dem Runden und dem Eckigen, und jenes muss in dieses. Das ist recht und teuer so, aber für meine Zwecke hier ganz unergiebig. Denn die Regel, nach der das 1:0 der Holländer gegen die Italiener kein Abseitstor war, obwohl es wie eines aussah, erklären andere Ihnen besser. Die Metaphorik der Kommentatoren scheint mir ausserdem recht unblumig und lustlos (die beliebteste Formulierung, meiner persönlichen Statistik nach, ist die vom Sieg, der «nicht gestohlen» sei). Und dass der Rasen, den sie in Basel jetzt ersetzen mussten, unter dem gelitten hat, was während eines Spiels so zusammengespuckt wird, ist eine vage und chemisch nicht belegte Vermutung.

Wo es geht, bewege ich mich deshalb oft abseits, sehr gern auch in romantischem Gelände, und Sie kennen mich: Es freut mich jedes Fait divers der Weltgeschichte, über das ich stolpere. Kürzlich erfuhr ich etwas von zwei Piratinnen, die im frühen 18. Jahrhundert in der Karibik ihr Wesen trieben. Das war in einem dieser spielfilmähnlichen historischen Feuilletons auf dem History Channel, und es gab da gendertheoretisch viel zu sinnieren über die Ungerechtigkeit der Welt, welche die Verdienste von Mary Read und Anne Bonny in ihrem Berufszweig nie so gewürdigt und gerühmt hat wie die Aktivitäten eines Henry Morgan oder der Kapitäne Kidd und Schwarzbart. Die Aufmerksamkeit galt immer eher der transvestitischen Groteske. Dabei belegen zeitgenössische Berichte und Prozessakten, dass Reads und Bonnys männliche Kollegen, insbesondere ihr Kapitän Calico Jack, einen Hang zur trunkenen Jammerei und die Heldenhaftigkeit von Seeschnecken hatten und so besoffen und zimperlich in den Kampf gingen «wie ein englischer Lord ins Bordell». Während die Frauen brüllten wie die Tigerinnen, fochten wie die Teufel und um sich spuckten wie die Fussballer.

Man verurteilte sie 1720 zu einem Piratentod. Der vorsitzende Richter sprach die althergebrachten Worte: «Ihr, Mary Read, und Ihr, Anne Bonny, sollt von hier zu dem Ort gehen, wo ihr hergekommen seid, und von dort zur Hinrichtungsstätte, wo ihr am Halse aufgehängt werden sollt, bis der Tod eintritt.» Ich finde, es ist eine schöne ausgleichende Gerechtigkeit, dass sie dann doch nicht gehängt wurden. Sie hatten sich beide zuvor von Calico Jack schwängern lassen.

Mir gefiel übrigens, wie die holländischen Spieler in Bern nach jedem Match ihre blonden Kinder küssten. Meine Freundin hingegen hielt das für kitschig, schleimig und unhygienisch.

Piraten, History Channel, die letzten Folgen heute um 20.00 und 20.30 Uhr.

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