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Östliche Dramen

Abends im Mitteldeutschen Rundfunk.

Diese Woche möchte ich Ihnen einen legitimen Nachfolger des DDR-Fernsehfunks ans Herz legen, den Sender MDR, wo das Sandmännchen noch lebt und Träume webt und die Kinder um sieben ins Bett schickt. Aber nach sieben geht es dort erst so richtig los, das Fernsehen blickt in die mitteldeutsche Seele und sächselt oft sehr unterhaltsam vor sich hin.

Kürzlich verbrachte ich einen erkenntnisreichen MDR-Abend, an dem die wirklichen Dramen, die Sachsen und Thüringen zu bieten haben, sich geradezu irreal ballten. Es war, als würde gezielt gegen einen von der Wende verursachten Minderwertigkeitskomplex gearbeitet. Ich sah nacheinander zwei halbstündige Sendungen, die «Erlebt!» und «Echt!» hiessen, und ich glaube, schon in den Ausrufungszeichen drückte sich das Selbstbewusstsein aus, man sei doch wohl nach dem Mauerfall nicht nur ein Wurmfortsatz des wiedervereinigten Deutschland. Und der Protest dagegen, manchmal wie ein Wurmfortsatz behandelt zu werden. In einem seltsam fröhlichen und sogar stolzen Ton wurde da ein national und international konkurrenzfähiger Reichtum an Katastrophen, Skurrilitäten und Kulturwerten entfaltet.

Zunächst ging in «Erlebt!» der Moderator Axel Bulthaupt wie ein gut gelaunter Reiseführer durch die Geschichte des Schulmassakers von Erfurt (das ist, nebenbei, jene Stadt, in der am letzten Samstag 100 nackte Menschen auf dem Domplatz ein Vollbad für Thomas Gottschalk nahmen und sich, wie der Oberbürgermeister Andreas Bausewein auf www.erfurt.de schreibt, «von ihrer besten Seite» zeigten): vorbei an der gelben Tür der Herrentoilette, hinter welcher der Täter am 26. April 2002 durchlud («hier verwandelt er sich in einen Mörder»); und per Computeranimation von Leiche zu Leiche (siebzehn insgesamt). Im Weiteren stellte und beantwortete Herr Bulthaupt die Frage nach der Schuld («Schuld hat der Täter»), wechselte von Erfurt nach Leipzig, dessen Olympiakandidatur 2004 blamabel scheiterte, und von dort nach Wesenstein, wo während der Flut von 2002 eine Familie 13 Stunden auf einer bröckelnden Hausmauer ausharrte. Sodass jedem klar werden musste, dass auch Sachsen seine Wunder und Thüringen seine Verbrecher hat.

In «Echt!» wiederum, einem Wissenschaftsmagazin, brachte einen der Moderator Sven Voss auf den neuesten Stand der einheimischen Mumienforschung und Bach-Kunde (wussten Sie, dass der grosse Komponist ganz ausgeprägte Tränensäcke hatte?). Und alles in allem, beide Sendungen zusammengenommen, lief es darauf hinaus, dass Leipzig, die «Bach»-, «Messe»- und «Heldenstadt», der Nabel der Welt ist.

Ich jedenfalls habe es an diesem einen Abend geglaubt und mir danach noch die zweite Folge der Sendung «Sex im Sozialismus» angeschaut, worin das Leipzig der DDR-Zeit gewissermassen vom Nabel abwärts beschrieben wurde. Sehr fein vermischten sich hier der gesamtdeutsche Boulevardjournalismus und eine Art Sehnsucht nach dem realsozialistischen Seinerzeit, als man unter Erich Honecker auch schon etwas zu bieten hatte.

Am besten hat mir in «Echt!» übrigens der kleine Film über die Schweizerin Katharina Zaugg gefallen, eine so genannte «Putzforscherin», die jetzt in Sachsen Kurse in gesundheitsförderndem Staubsaugen gibt. Es war ein echt kolonialismuskritischer Beitrag; und ich denke, im MDR arbeiten neben den Patrioten und Nostalgikern auch sehr begabte Ironiker.

Unser Sandmännchen, MDR, täglich, 18.50 Uhr. Echt!, MDR, nächste Folge am 15.4., 21.15 Uhr. Sex im Sozialismus, MDR, dritte und letzte Folge, 8.4., 22.05 Uhr.

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