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Machen Tattoos dumm?

Inked – Unter die Haut.

Beim nassen Grab meines Reigoldswiler Mitbürgers Johannes Vögelin, der mit der «Titanic» unterging (ich glaube, er war Kellner zur See): Ich habe nichts gegen Menschen mit Tätowierungen! Bei Seeleuten sind das ja ehrenwerte, unter Schmerzen erworbene Zeichen ihrer Zunft. Einmal sah ich einen amerikanischen Matrosen, an dem ein thailändischer Wandertätowierer in einer Strandbar herumstach; was er litt, dem Gesicht nach zu schliessen, mochte ich mir gar nicht vorstellen. Und eine Frau kenne ich, die liess sich für die ethnologische Erkenntnis irgendwo in Ozeanien eins dieser geweihähnlichen Stammessymbole auf traditionelle Art in die untere Rückenpartie hämmern, nämlich mittels eines Hämmerchens und eines Meisselchens; selten war mein respektvolles Mitgefühl grösser.

Aber es sind mir in letzter Zeit im Fernsehen doch viele Tätowierte und tätowierte Tätowierer durch Blödheit auffällig geworden. Auf dem Biography Channel ist dem Thema eine ganze mehrfolgige Sendung unter dem Titel «Inked – Unter die Haut» gewidmet und nährt sich von den evidenten Idiotien, wie sie bei Kundschaft und Personal des amerikanischen Tätowier-Instituts «Hart & Huntington» vorkommen.

Unter den Klientinnen beispielsweise darf man das Model, das sich nicht ins lebende Fleisch, sondern in seine Beinprothese stechen liess, noch die intelligenteste nennen. Die Frau musste nicht einmal dabei sein und kam doch zu einer bleibenden Erinnerung. Wobei sich hier der Vorgang natürlich von allem Lebensgefühl befreit und in seiner schönsten Sinnlosigkeit zeigte.

Ist hingegen Dümmeres vorstellbar als der Entschluss jener zwei jungen Damen, sich das Logo ihrer neu gegründeten Firma für modisch flüchtige Accessoires, einen Joker mit herausgestreckter Zunge, in den Nacken kerben zu lassen? Sie verwechselten Augenblick und Ewigkeit. Alle Warnungen, so eine Firma sei bald einmal pleite, so eine Tätowierung aber für immer, verhallten ungehört; und das Logo, glauben Sie mir, war eine Geschmacksverirrung erster Ordnung.

Was die Tätowierer betrifft, war da einer namens Eric Pele, ein Muskel- und Fettberg von 154 Kilo, der sein Handwerk verband mit der Tätigkeit eines Champions der so genannten «Mixed Martial Art», einer im Käfig betriebenen Form der Strassenschlägerei. An einem freien Abend schlug er einen Gegner in der zweiten Runde zusammen, war zuvor allerdings selber in einen schmerzhaften rechten Haken gelaufen, und am nächsten Arbeitstag sah er alle zu tätowierenden Muster doppelt. Immerhin schien er ein liebender Vater zu sein, wiewohl einen das Foto eines Kleinkinds mit Boxhandschuhen schon etwas beunruhigte. Würden Sie jedoch auch nur eine Sekunde lang dem Tätowier-Lehrling Dizzle vertrauen, der eine Wette über 1000 Dollar abschloss, er könne in zehn Minuten 3,5 Liter Milch trinken und sie eine Stunde bei sich behalten? Nach 30 Minuten erbrach er in ein Lavabo, das sonst, wie mir vorkam, zur Desinfektion von Nadeln benützt wird.

Übrigens hat sich im «Marienhof» beim Buben der Ärztin eine Tätowierung ernsthaft entzündet, und trotzdem wollte er seiner Freundin den Schuh geben, weil sie für die Nadel nicht bereit war. Und bei der Richterin Salesch war einer, dem die Ex-Geliebte das Zeichen einer verratenen Liebe aus der Hüfte geschnitten hatte. Wie gesagt, von mir aus soll jeder nach seiner eigenen Façon verblöden. Aber ich halte die Korrelationen zwischen Taten und Tattoos bzw. in den Verhältnissen von Stechern und Gestochenen mittlerweile doch für signifikant und bedenkenswert.

Inked – Unter die Haut. Biography Channel, Teil 8, 17.5., 19 Uhr.

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