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Diebesgut

Heute erlaube ich mir fürs Protokoll eine Bemerkung bzw. eine Frage zum deutschen Fernsehfilm, insbesondere dem als exklusive Premiere angekündigten, auf Sat1 manchmal «FilmFilm» genannten und solid, wenn auch nicht sündteuer, gefertigten.

Ich habe nichts gegen solche kunsthandwerklichen Arbeitsbeschaffungsprogramme; sie halten manchen Schauspieler davon ab, dem Staat oder der Kunst zur Last zu fallen. Aber ich stelle im Bereich der dramatischen Fiktion doch beunruhigende Vorgänge fest. Die Leute stehlen dort wie die Raben. Glauben die wirklich, das merkt niemand? Es ist jetzt nämlich innert kürzester Frist das zweite Mal vorgekommen, dass sich uns eine Kopie als ein von des Lebens goldenem Baum gepflücktes Original beliebt machen wollte. Es war jedoch aufs Fernsehformat gestauchtes Diebesgut aus dem Kino.

Beim ersten Mal hätte ich ja noch nichts gesagt, obwohl sich der Fall kristallklar präsentierte: Denn es handelte sich um die Geschichte einer Berliner Coiffeuse, die sich als morganatischer Spross eines Königs und legitime Erbin eines kleinen Reiches entpuppte; erst glaubte sie es nicht, aber dann begannen die königlichen Gene zu wirken, und das Blut wallte auf eine geradezu natürliche Art blau. Deutsch daran war ein Anteil monarchiekritischer Bierernst, im Rest erkannte man deutlich den amerikanischen Spielfilm «The Princess Diaries» (1 und 2), und zwischen den Infantilitäten des Vor- und des Nachbildes mochte man nicht die Hand umkehren. Ich fand, da lohne sich noch keine anständige Entrüstung.

Anders hingegen verhielt es sich diese Woche mit dem Drama «Bis dass der Tod uns scheidet» (Sat1), der Geschichte einer Frau, die ihrem brutal psychotischen Mann entkam (er fiel am Ende in einen Anker und blutete sehr farbig aus). Es schmarotzte schamlos von «Sleeping with the Enemy», dem Film, in dem Julia Roberts so hinreissend leidet. Roberts wurde kopiert von Muriel Baumeister, und das geht eben nicht, da bin ich nachtragend, obwohl diese auch schöne Augen hat und jene auch schon drei Kinder und obwohl ich mir in meinem Alter jetzt keine Hoffnungen mehr mache. Der Versuch, Julia Roberts das Tränenwasser zu reichen, war eitel und ärgerlich, und daran schliesst sich nun meine Frage: ob so etwas, fernsehdramatisch gesehen, unsere Zukunft sei und ob es den Machern (ein furchtbar passendes Wort) nie ein bisschen peinlich ist, sich von vorgekauten Resten zu nähren? Davon, sie uns nachgekaut zu servieren, einmal abgesehen.

Es ist mir dazu übrigens eine sehr anachronistische Anekdote in den Sinn gekommen: 1789, als die erste französische Nationalversammlung das Steuersystem diskutierte, verteidigte ein privater Steuerpächter seine Privilegien mit dem Hinweis, er müsse ja auch leben. Da stand aber der liberale Graf von Clermont-Tonnerre auf und gab ihm die geflügelte Antwort: «Ich sehe diese Notwendigkeit nicht ein.»

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