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Der Friedrich-Schiller-Code

Kürzlich hat mir der Sender MDR die Wahrheit erzählt. Dabei hätte es die Legende noch lange getan.

Bis jetzt sah die Sache nämlich etwa so aus: Am 9. Mai 1805, abends, starb der deutsche Dichter Friedrich Schiller. Eine Totenmaske wurde genommen, und es begann ein ordentliches genialisches Nachleben. Vom wirklichen Sterben in die ideale Ewigkeit rankte sich die Geschichte, wie nächtens der einfache Sarg mit der berühmten, aber noch nicht nationalheiligen Leiche in die Gruft des Weimarer Kassengewölbes gesenkt wurde (kein Geistlicher hat ihn begleitet), wo dann 21 Jahre lang moderte, was an Schiller sterblich war. Aus diesem romantisch faulenden Dunkel hob jedoch im März 1826 der Bürgermeister Carl Leberecht Schwabe einen Dichterschädel ins Licht der Nachklassik. Er hatte sich aus 23 möglichen den grössten mit den besten Zähnen ausgesucht, und die Ausstrahlung von Genialität war überzeugend. Click here to find out more!

Carl August, Grossherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, poetisch bewegt, bot an, das verehrungswürdige Relikt in der fürstlichen Bibliothek zu bewahren. Von da, um es kurz zu machen, nahm der Geheimrat Goethe den Schädel ins Haus zur phrenologischen Untersuchung und zum dichterischen Gedenken; und schliesslich wurde er 1827 mit allem restlichen, Schiller zugeschriebenem Gebein in der neuen Weimarer Fürstengruft beigesetzt. Anthropologen, die nichts Besseres zu tun hatten, stritten lang noch ein wenig herum; 1914 wurde dem ersten Schädel sogar ein zweiter, neu entdeckter, beigefügt (sozusagen zur alternativen Anbetung). Dann wars aber genug. Einer, dachte man, werde schon echt sein. Die zweifelnde Wissenschaft und die Liebhaber von Kontaktreliquien hatten ihre Freude und sind bis jetzt ganz gut ohne das Fernsehen und die DNA-Analyse ausgekommen.

Vorbei. Im Jahr 2006 stach den Mitteldeutschen Rundfunk und die Klassik-Stiftung Weimar der Hafer. Sie wollten es wissen und boten auf, was rechtsmedizinisch und erbgutanalytisch gut und teuer ist. Und jetzt haben wir einen hochspannenden Dokumentarfilm («Der Friedrich-Schiller-Code»), die endgültige Wahrheit und den unpoetischen Salat.

Mit dem Schädel von 1914 hatte mans leicht: Er wurde anhand krankhafter Veränderungen identifiziert als ein Rest der buckligen Hofdame Louise von Göchhausen, welche Schiller zu Lebzeiten beträchtlich auf die Nerven gegangen war.

Die Untersuchung des so genannten Fürstengruft-Schädels von 1827 erforderte hingegen umfangreiche Exhumationen von Schillers näherer Verwandtschaft. Das Resultat muss desaströs genannt werden. Weder beim mütterlicherseits vererbten Gen-Code (mitochondriale DNA) noch beim Y-Chromosom der Söhne ergaben sich Übereinstimmungen, und der Optimismus, mit dem am Ende des Films der Präsident der Klassik-Stiftung sagte, man müsse sich an Goethe und die «Gottnatur» halten, klang doch leis verzweifelt: «Wie sie das Feste lässt zu Geist verrinnen, / Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.»

Wenn sie in Weimar damit zufrieden sind, könnte es mir ja auch egal sein. Tatsache ist aber, dass sie dort einmal zwei Schiller hatten, und jetzt haben sie keinen mehr. Und ein bisschen traurig ist es schon, sich den Goethe vorzustellen, wie er bei der Betrachtung von Schillers Schädel «die gottgedachte Spur, die sich erhalten», auf einem falschen Knochen las.

Der komplette Film «Der Friedrich-Schiller-Code» (Erstausstrahlung am 3.5.2008) auf www.mdr.de/tv/schiller/5473834.html

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