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Aus den Archiven

Heimkino – Private Filmschätze der Schweiz.

Grundsätzlich glaube ich ja an die vom grossen F.W. Bernstein in seinem Hauptwerk «TV-Zombies» vertretene These, dass Fernsehen kein Gedächtnis schaffe. Zum einen Auge herein und zum anderen wieder hinaus («fürchterlich» nannte das Bernstein; jedoch noch fürchterlicher wärs, wenn es nicht so wäre, denke ich).

Aber manchmal gibt sich das Fernsehen eine gewissermassen öffentlich-rechtliche Mühe und arbeitet dem Langzeitgedächtnis zu, auch weil es im heraufziehenden Sommer nicht viel Besseres und schnell zu Vergessendes zu tun hat, natürlich, und weil dann Zeit und Platz ist für eine rekreative Rückschau. Da rutscht auch einmal so etwas wie historische Nachhaltigkeit in ein Hauptprogramm und hat nichts zu tun mit der angebräunten Nostalgie sklerotischer SS-Männer.

Das Schweizer Fernsehen beispielsweise wird jetzt unter dem Titel «Heimkino» in dreizehn sonntäglichen Folgen gefilmte Privaterinnerungen ausstrahlen, und die ersten vier habe ich mir schon mal anschauen dürfen (dank der Produktionsfirma Teamstratenwerth in Basel). Solche Voreiligkeiten in Fernsehsachen sind sonst nicht meine Art, aber ich fand die besinnliche Idee sympathisch, und tatsächlich darf ich berichten von bemerkens- und bewerbenswerten Kuriositäten und Trouvaillen aus den Dreissiger- und Vierzigerjahren: Wie ich es sehe, werden sich die kurzen Stücke (je sechs Minuten) zu einer hübschen schweizerischen Mentalitätsgeschichte zusammenfügen.

Karl Steiner (1897–1985) aus dem aargauischen Oberkulm verdanke ich nun einige Kenntnis darüber, wie das war, 1938, als Besenmacher noch ein Beruf war, die Frau Rüsti ihre Wolle spann und der alte Hunziker, wenn er nicht soff, das Tenorhorn spielte. Steiners 16-mm-Kamera hat seinerzeit so viel gekostet wie zwei Kühe, die Erinnerung war es ihm wert, und nebenbei: Der Mann wurde später Gross- und Nationalrat und machte sich verdient um die Pflege des Oberkulmer Rotkorns, einer robusten Dinkel-Sorte.

Walter Glaser (1912–2007) hingegen, ein tüftliger Amateurfilmer aus St. Gallen, eröffnete mir ein wahrhaft schweizerisches Spektrum: vom 1943 durch den Verein Pro St. Gallen veranstalteten Umzug zum Thema «Fahrendes Volk im Wandel der Zeiten», worin das Fräulein Lagler als tanzende Zigeunerin sehr angenehm auffiel, bis zu den Zeltlagern nach dem Krieg, in denen Flüchtlinge desinfiziert wurden. Also zwischen fröhlicher Vagantenfolklore und einem hygienischen Misstrauen gegenüber der realen Heimatlosigkeit.

Am liebsten aber war mir altem Chauvinisten der Baselbieter Emil Müller (1910–1988), der sein Dorf Langenbruck dokumentierte, wo der Regisseur Leonard Steckel den Spielfilm «Bider der Flieger» drehte (1941) und der Handschin Robert den Baselstädtern das Skifahren beibrachte, als es dort im Winter noch schneite. Denn den Herrn Müller hätte ich noch gekannt haben können. In seinem Hotel Erika hat meine Grossmutter einmal Ferien gemacht (sie machte immer nur dort Ferien, wo sie sich fühlte wie zu Hause), und ich erinnere mich an einen Balkon und eine Ovomaltine. So ist das mit den Archiven: Man findet dort oft ein Stück seiner selbst.

Übrigens habe ich auch ganz normal ferngesehen. In einer Comedy-Sendung, deren Titel ich vergessen habe, machte kürzlich einer einen Witz, über den ich recht lachen musste. Den hätte ich Ihnen jetzt gern erzählt. Aber ich erinnere mich nicht daran.

Heimkino – Private Filmschätze der Schweiz, SF 1. Erster Teil (Karl Steiner) am 8. Mai, 21.40 Uhr.

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