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Alexandra und die Speckröllchen

Hüllenlos – auch nackt gut aussehen.

Sie kennen mich als einen sanften Mann mit viel Verständnis dafür, dass die im Fernsehen auch gelebt haben müssen. Auf mich als Quote kann man sich verlassen, und selten kommt es vor, dass ich jemandem die mediale Daseinsberechtigung abspreche. Ich gönne jedem sein Auskommen und am Ende ein honoriges Altenteil. Aber es muss jetzt wirklich einmal Schluss sein mit diesem Unsinn der psychohygienischen Haute Coiffure und seelenkundlichen Modeberatung. Ich will keine freudianischen Kleiderverkäufer mehr sehen, die ein Shopping zur Analyse aufblasen.

Es war mir ja schon dieser ehemalige Fallschirmjäger unheimlich, der auf ARD an Neurosen Maniküre machte und immer gerührt weinte über den heilenden Effekt von Spitzen-Dessous (vielleicht erinnern Sie sich). Ich glaube, es gibt ihn nicht mehr, aber er hat seine Wiedergänger, und einer heisst Bastian Bertemes, möge sein Name schnell vergessen sein.

Seine Sendung heisst «Hüllenlos – auch nackt gut aussehen», und von diesem Titel geht eine gewisse frühlingshafte Verlockung aus. Ich muss berichten, dass mir winterkalt wurde.

Jener Bertemes hat es sich zur Aufgabe gemacht, «ganz normale Durchschnittsfrauen», wie die gelernten Modetherapeuten immer so schön von oben herab sagen, mit ihren Körpern zu versöhnen und den Frieden mit den Speckröllchen zu krönen durch Nacktaufnahmen. Ein bereits im Ansatz klebriges Konzept, aber da bin ich nicht prüde. Hingegen finde ich die psychologische Blödmacherei äusserst peinvoll. Da war eine Alexandra, die aussah, wie man halt aussieht mit neununddreissig, 78 Kilo auf 172 cm, 114 cm Hüftumfang und Körbchengrösse 80 B. Nämlich so, dass sie es nicht nötig gehabt hätte, sich einen Mangel an Selbstbewusstsein einreden zu lassen, den der Bertemes ihr dann wieder ausredete. Ausserdem erwies sich der Mann als ein bis zur Radikalität talentfreier Moderator; seine Aufbaurhetorik nährte sich im Wesentlichen von den Worten «uuh» und «super».

Am schlimmsten jedoch war sein Geschmack. Er kaufte Alexandra einen weissen Rock mit aufgesticktem Rankenwerk, der, wie er behauptete, verschlanke. Dabei benützte er zusätzlich das Wort «Camouflage». Der Rock verschlankte aber nicht. Nur Alexandra glaubte dem Bertemes alles und liess sich weiterhin von ihm verrückt machen. Oder wie der Dichter es auch gesagt haben könnte: «S'ist Fluch der Zeit, dass Blinde Tolle führen!»

In diesem Zusammenhang fiel mir ein: Was macht eigentlich die Frau Kallwass? Die Frau Kallwass gibt es nämlich noch. Sie ordiniert noch immer im Vorder- und Hinterzimmer und jetzt manchmal auch auf dem Parkplatz. Dort ölt sie die Klienten ein, dass die Geständnisse nur so aus ihnen herausflutschen (das vorletzte Mal ging es um das düstere Geheimnis einer Vaterliebe). Zu erwägen wäre natürlich, die Praxis durch einen Coiffeursalon und eine Modeboutique zu ergänzen. Das könnte sich kurios rentieren in Fällen von Magersucht, Impotenz und Seitensprüngen.

Und übrigens, nur damit wir nicht ganz aus der Übung kommen: Im «Marienhof» herrscht ein solches Herumtaumeln im Irrgarten der Liebe, dass man gern ein paar psychologisch heilsame Ohrfeigen verteilen möchte.

Hüllenlos – auch nackt gut aussehen, RTL 2, Montag, 22.15 Uhr. Zwei bei Kallwass, Sat 1, Montag bis Samstag, neu um 14.30 Uhr.

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