Interview mit Samuel Mumenthaler

«Erfolgskurve zeigt kaum nach oben»

Interview mit Samuel MumenthalerWoche für Woche hat sich der Rockjournalist Samuel Mumenthaler 2009 in einer 50-teiligen Serie durch 50 Jahre Berner Rock gearbeitet. Zum Abschluss ein kurzer Blick zurück – und einer in die Zukunft des Berner Musikschaffens.

Auf Tuchfühlung mit den Berner Rockgrössen:  Für die Serie  führte Samuel Mumenthaler an die  100  Interviews. Im Bild: Mumenthaler 
(links)  mit Polo Hofer und Tomazobi-Musiker Tobi (in der Hand das Buch zur Serie) Ende November hinter der Bühne im Bierhübeli.

Urs Baumann

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Ein ganzes Jahr lang Montag für Montag eine Zeitungsseite über ein einzelnes Jahr der 50-jährigen Rockgeschichte zu recherchieren und zu verfassen – Samuel Mumenthaler, wie war das?
Samuel Mumenthaler: Es war ein Marathonlauf. Und Mitte Jahr ging mir ein bisschen der Schnauf aus. Von den Sechzigern und Siebzigern wusste ich bereits viel, konnte auch auf frühere Recherchen zurückgreifen, die Achtziger und Neunziger habe ich selber intensiv erlebt. Dann aber musste ich bisweilen fast bei null beginnen. Zudem wurde der Zeitdruck grösser, weil ich wegen der Veröffentlichung des Buches die Serie im Herbst fertig haben musste. So musste ich mich sputen. Das bedeutete etwa: Abends Interview mit Plüsch, am nächsten Nachmittag Treffen mit Endo von Stiller Has. Da prallten schon mal Gegensätze aufeinander.

Wie viele Notizblöcke haben sich dabei gefüllt?
Ich habe wohl gegen 100 Interviews geführt. Und die habe ich nicht mitgeschrieben, sondern auf Tonband-Kassetten aufgenommen. Danach habe ich die Kassetten komplett transkribiert. Das war sehr aufwändig: Pro Interview habe ich so an die zwei Stunden Gespräch. Die Bänder bewahre ich alle auf – zu Beweiszwecken! (lacht)

Gab es Probleme, an die Leute ranzukommen?
Es war eigentlich nie schwierig. Klar brauchte es bisweilen einige Zeit und manchmal auch etwas zu trinken, um das Eis zum Schmelzen zu bringen

Hat jemand geklemmt?
Vor gewissen Leuten bin ich selbst zurückgeschreckt. Etwa vor Stephan Eicher. Er ist für mich ein Mysterium. Und das wollte ich wohl bewahren, darum habe ich ihn nicht angefragt. Das war nicht wirklich schlimm: Ich hatte viel Material über ihn – auch alte Interviews aus seinen Anfängen. Trotzdem bereue ich es mittlerweile ein bisschen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Welches waren die persönlichen Highlights?
Als mir Wale Stettler seine Originalabschrift von Little Richards «Good Golly Miss Molly» gegeben hat, die er 1960 als 15-Jähriger gemacht hatte, wärmte mir das das Herz. Oder als Kuno Lauener die Skizze hervorgeholt hat, die ihn 1994 zu «I schänke dir mis Härz» inspiriert hatte.

Wie sieht die Zukunft des Berner Rock aus?
Lange dominierte der Berner Rock das Schweizer Musikschaffen. Doch momentan ist es anders; neue erfolgreiche Acts kommen von überall her. Der Kuchen wird also besser verteilt. Nicht zufällig stammt die erfolgreichste Schweizer Platte dieses Jahres vom Zürcher Rapper Bligg – und dies pikanterweise in der vermeintlichen Berner Spezialdisziplin Mundart.

Fehlt es in Bern an Nachwuchs?
Ich würde sagen, eher am Ehrgeiz. Bern sei wie New Orleans, hat der Keyboarder H.P. Brüggemann kürzlich gesagt. Ich kenne New Orleans, und finde, es trifft zu. Auch dort hängt man sich weniger an den Zeitgeist, setzt mehr auf solides Handwerk und die Anerkennung in der eigenen Szene.

Dann sieht es also schwarz aus für die Zukunft des Berner Rock?
Die kommerzielle Erfolgskurve zeigt kaum nach oben. Aber: Ich war über Weihnachten in Zürich und habe dort im Veranstaltungskalender geblättert. An ein und demselben Abend haben Wurzel 5, Philipp Fankhauser und Schmidi Schmidhausers Band Chica Torpedo unabhängig voneinander in der Gegend gespielt. Berner Musiker sind schweizweit immer noch sehr präsent und gern gesehen. Auch wenn anderswo aktuell erfolgreicher musiziert wird, die Berner Szene ist langlebig und konstant.

Was bräuchte es, damit wieder einmal eine junge Band aus Bern die Hitparaden erobert?
Trotz aller Erfolge gilt auch in Bern die Rockmusik bloss am Rande als Kultur. Im Gegensatz zu fast allen anderen Sparten von der Literatur bis zum Film wird sie nur zurückhaltend gefördert – auch weil die Berner Rockszene keine Lobby hat. Das hat zur Folge, dass der Berner Rock, wie es Mühle-Pesche im Interview zur Serie pointiert sagte, oft «Hobbyrock» bleibt.

Ist subventionierte Kultur automatisch bessere Kultur?
Subventionierung bedeutet auch Anerkennung. Und immerhin bringt die Rockmusik der Stadt ja auch einiges. Zum Beispiel viel Volk auf den Bundesplatz, wenn wieder einmal ein Sportgrossanlass eröffnet wird. Andererseits darf man es auch als Erfolgsmeldung sehen, dass der Berner Rock ohne namhafte öffentliche Unterstützung überlebt.

Schlummert das nächste grosse Ding bereits irgendwo?
Ich bin wohl ein bisschen zu alt, um die nächsten grossen Trends vorauszusagen. Aber ich sehe, dass Künstler und Bands wie Reverend Beat-Man, Filewile, Signorino TJ oder die Tequila Boys sich erfolgreich in ihren Nischen ausleben.

Mit Verlaub: All die genannten sind um die dreissig oder gar darüber. Gibt es keine Zwanzigjährigen im Berner Rock mehr?
Im Untergrund sicher. Doch einerseits sind die Auftrittsmöglichkeiten rarer als früher. Andererseits habe ich den Eindruck, dass die Platzhirsche den Newcomern ein bisschen vor der Sonne stehen. Es ist wie in der Politik: Viele tun sich mit dem Abtreten schwer... (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.12.2009, 08:51 Uhr

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