«Wir wollen keine Subventionen, wir wollen einen funktionierenden Markt»

Ist die Schweiz ein «Urheberrechts-Guantánamo»? Das behauptet der Verein Musikschaffende Schweiz. Präsident Reto Burrell nimmt Stellung.

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Reto Burrell, inwiefern ist die Schweiz ein «Urheberrechts-Guantánamo»? Der Begriff «Urheberrechts-Guantánamo» dient als Sinnbild dafür, dass in der Schweiz den Musikschaffenden gewisse international übliche und mittels internationaler Konventionen sichergestellte Rechte nicht oder nicht in vollem Umfang zugestanden werden oder die Durchsetzung dieser Rechte nicht ermöglicht wird. Wir wollen mit dieser Aussage selbstverständlich nicht die Situation in Guantánamo im Hinblick auf die willkürliche Entziehung der Freiheit oder die Illegitimität der Institutionen mit derjenigen in der Schweiz vergleichen. Dies nahezulegen – wie es Kritiker versuchen –, ist absurd und dient ausschliesslich der Ablenkung von den Kernpunkten der Diskussion.

Welche Rechte werden den Musikschaffenden nicht zugestanden? Musikschaffende sind in erster Linie Künstler – als das werden wir von der Öffentlichkeit gesehen. Gleichzeitig sind wir aber auch Unternehmer. Unser Unternehmen ist davon abhängig, dass wir selbst bestimmen können, wie unsere Produkte und Leistungen ausgestaltet und auf dem Markt verfügbar sind und dass wir folglich mit unseren Produkten und Leistungen Geld verdienen können. Grundlage dafür sind rechtliche Rahmenbedingungen, welche es einem Anbieter von Produkten und Leistungen ermöglichen, diese Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen. Genau über diese Möglichkeiten verfügen wir aber heute nicht. Der Grund dafür ist, dass es für Konsumenten legal ist, unsere Musik über das Internet gratis von Personen zu beziehen, welche nicht autorisiert sind, diese Aufnahmen zum Download anzubieten.

Was sollte man dagegen machen? Unsere konkrete Forderung ist, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen so geändert werden, dass wir wieder selbst bestimmen können, wem wir unsere Produkte wann, wie und zu welchem Preis anbieten. Mit dem überall und jederzeit verfügbaren kostenlosen «Angebot» der Raubkopierer können wir nicht konkurrieren.

Was sind die Probleme im aktuellen Urheberrecht? Für uns zentral ist die Feststellung, dass Musik einen Wert hat und es nicht sein kann, dass raubkopierte oder illegal zur Verfügung gestellte Musik legal aus dem Internet heruntergeladen werden kann. Daneben sehen wir ein weiteres grosses Problem darin, dass wir uns gegen die Anbieter von Raubkopien, welche sich mehrheitlich im Ausland befinden, nicht genügend zur Wehr setzen können. Dort einen Prozess zu führen – sofern das Recht im jeweiligen Land die unautorisierte Verbreitung unserer Inhalte überhaupt wirksam verbietet –, ist sehr aufwendig und langwierig.

Wie kann man dieses Problem lösen? Den Musikschaffenden muss ermöglicht werden, sich in der Schweiz wirksam gegen ausländische Anbieter von Raubkopien zur Wehr zu setzen. Dies dürfte nur über eine schnelle Sperrung dieser Inhalte auf Ebene der Internetprovider in der Schweiz möglich sein. Es obliegt hier jedoch dem Gesetzgeber, eine nützliche, sinnvolle und ausgeglichene Lösung zu finden, welche auch sicherstellt, dass dies nicht zu einem Missbrauch – zum Beispiel in Form von Zensur von Inhalten, bei welchen es sich nicht um raubkopierte Inhalte handelt – führt.

Sollte das Urheberrechtsgesetz geändert werden? Wir sind der Ansicht, dass die aktuelle Situation eine Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen nötig macht.

Wie kann und soll das geistige Eigentum geschützt und entschädigt werden? Der aktuell verfügbare Schutz des geistigen Eigentums ist grundsätzlich – mit den vorher genannten Einschränkungen – genügend. Wir möchten keine kollektive Entschädigung der Nutzung unserer Werke erreichen, welche über die aktuell von der Suisa abgerechnete Nutzungsentschädigung hinausgeht. Wir möchten aber, dass wir wieder wirksam selber entscheiden können, ob, zu welchen Preisen und in welcher Art wir unsere Produkte vermarkten.

Was sagen Sie zum Vorwurf, dass die Musikbranche an überholten Geschäftsmodellen festhält und zu wenig Alternativen ausprobiert? Dieser Vorwurf ist unsinnig und lenkt nur vom Problem ab. Wenn niemand unsere Produkte mehr konsumieren wollte, dann hätten wir ein Problem, das bei uns liegt. Aber so lange die Nachfrage offensichtlich besteht, der Verdienst aber ausfällt, weil die Produkte von Unbefugten gratis angeboten werden, ist es am Gesetzgeber, uns zu schützen. Dass sich ein Konsument zweimal überlegt, ob er ein Album kaufen soll, wenn er es genauso leicht und ohne rechtliche Konsequenzen aus illegaler Quelle gratis bekommen kann, ist nicht ein Problem des Geschäftsmodells, sondern ein Problem der falschen rechtlichen Rahmenbedingungen. Die Musik-ist-gratis-Mentalität schadet zudem allen Bereichen des Musikmarkts, auf die sich ein alternatives Geschäftsmodell beziehen könnte.

Wie stehen Sie zur Idee einer Kultur-Flatrate? Durch Einführung einer Kultur-Flatrate würde man vor dem Problem Internet-Piraterie kapitulieren und alle dafür bezahlen lassen, dass gewisse zwar Musik hören, diese aber nicht bezahlen wollen. Um es ganz klar zu sagen: Wir wollen keine Subventionen – wir möchten einen funktionierenden Markt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Und zum Sammeln von Geld über Crowdfunding? Gegen Crowdfunding ist nichts einzuwenden. Es sollte aber eine unternehmerische Entscheidung sein, ob ein Musikschaffender seine Produktionen auf diese Weise finanzieren will.

Gibt es Musikschaffende, die nicht mitmachen? Unsere Mitgliederliste ist sehr imposant, vor allem in Anbetracht dessen, dass wir unseren Verein erst im Januar gegründet haben. Und es melden sich wöchentlich neue Musiker aus dem Bereich der Populärmusik an. Es haben noch nicht alle mitgekriegt, dass es uns gibt und wofür wir kämpfen. Wir haben bis jetzt von Musikern, die mit der Musik ganz oder teilweise ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen oder dies in Zukunft möchten, nichts Negatives gehört.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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