«Wir müssen unsere Pensionierten noch mal in die Pflicht nehmen»

Interview

Philosoph und Beststeller-Autor Richard David Precht über sein neues Buch, übereifrige Feuilleton-Journalisten und ein soziales Pflichtjahr für Rentner.

«Soweit mir bekannt, bin ich noch kein einziges Mal von der Hochschulphilosophie angefeindet worden»: Publizist Richard David Precht.

«Soweit mir bekannt, bin ich noch kein einziges Mal von der Hochschulphilosophie angefeindet worden»: Publizist Richard David Precht.

Philippe Zweifel@delabass

Herr Precht, Ihr neues Buch richtet sich an Kinder. Was ist Ihre philosophische Lieblingsfrage von Kindern? Die spannendsten Gespräche hatte ich mit meinem Sohn stets, wenn wir über moralische Fragen diskutierten. Kinder sehen die Welt da sehr ähnlich wie Erwachsene. Die Frage etwa, ob man einen dicken Mann auf ein Gleis schubsen darf, um ein paar Gleisarbeiter vor einem herannahenden Zug zu retten.

Wo unterscheiden sich Kinder beim Philosophieren von Erwachsenen? Vor allem in Fragen der Erkenntnistheorie. Ein Kind denkt nicht darüber nach, wer es ist. Aber in der Frage, was richtig oder falsch ist, sind sie den Erwachsenen sehr ähnlich. Vielleicht ist der Gerechtigkeitsgedanke in Kindern sogar stärker ausgeprägt. Wie oft fühlen sie sich doch im Recht und dabei ungerecht behandelt!

Verstehen Kinder Ihr Buch wirklich? Sind nicht Erwachsene die heimliche Zielgruppe des Buchs? Das kommt darauf an, wie fit sie sind. (lacht) Es ist natürlich auch eine Frage, wie man herangeführt wird. Ich stelle mir die Idealsituation so vor, dass Eltern das Buch zusammen mit ihren Kindern lesen.

Mit Ihrem neuen Buch propagieren Sie die kindliche Neugier. Nun haben Erwachsene – oder zumindest unsere Gesellschaft – oft Angst vor dem Neuen. Wo und wann kommt uns die Neugier abhanden? Das stimmt nur bedingt. Zu meinem Lesungen kommen viele Rentner, die zum ersten Mal Zeit haben, sich mit Philosophie auseinanderzusetzen. Und im Grunde genommen bewundern wir ältere Menschen, die aufgeweckt und begeisterungsfähig sind, und wollen wie sie sein. Das sieht man etwa bei Leitbildern wie Helmut Schmidt. Umso tragischer ist es, dass wir ein Schulsystem haben, das Fleiss und Anpassung belohnt, aber Begeisterungsfähigkeit runterdimmt.

Sie wollen Pensionäre für ein Sozialjahr mit Kindern verpflichten. Was ist die Idee dahinter? Es geht darum, dass die Pensionäre, die ja oft noch lange leben, nicht aus ihrer sozialen Verantwortung entlassen werden. Ich denke da an ein Pflichtjahr, in dem sie zirka 15 Stunden in der Woche zum Beispiel Kindern aus schwierigen Elternhäusern Nachhilfe geben, damit die Kinder die Schule schaffen. Ich bin überzeugt, dass viele Rentner nach dieser Erfahrung freiwillig weitermachen.

Was ist mit dem sogenannten wohlverdienten Ruhestand? Der wohlverdiente Ruhestand ist immer unterschiedlich wohl verdient. Wenn jemand auf einem Amt gearbeitet hat und mit 60 in Rente geht, ist er nicht abgearbeitet. Der Ruhestand, den wir heute haben, ist im Durchschnitt mit viel weniger Mühe und Schweiss erarbeitet worden als in den Jahrhunderten zuvor – und er dauert viel länger. Als die Rente eingeführt wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung unter 60 Jahren. Jene, die die Rente erreichten, lebten im Durchschnitt noch ein paar Jahre. Heute haben die Leute das Gefühl, sie hätten ihre Rente für 30 Jahre verdient, ohne dass man von ihnen noch etwas erwarten kann.

Was stört Sie daran? Das ist unsozial gegenüber den nachfolgenden Generationen, denn diese werden eine solche Rente nicht mehr bekommen können. Ich finde es deshalb nicht zu viel verlangt, wenn wir unsere Rentner und Pensionäre noch einmal in die Pflicht für unser Gemeinwohl nehmen. Das Gleiche fordere ich übrigens auch von den 19-Jährigen in Form eines sozialen Pflichtjahres. Alles in allem geht es dabei um ein besseres soziales Klima durch gelebte Solidarität.

Bei Ihrem Vorschlag kommen Politik und Philosophie exemplarisch zusammen. Wie sieht die Schnittstelle zwischen Philosophie und Politik heute eigentlich aus? In der Antike und in der Aufklärung waren Philosophie und Politik eng verbunden, Philosophen waren Vordenker einer neuen Gesellschaftsordnung oder eines neuen Rechtsverständnisses. Heute hat sich die Philosophie in den universitären Elfenbeinturm zurückgezogen. Aus der Philosophie als eine Art Supervisor-Disziplin ist ein Hochschulfach geworden. Das ist schlecht für die Philosophie, die bedeutungslos geworden ist – aber auch für die Gesellschaft.

Wie ist das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Philosophie? Hier zeigt sich der Rückzug der Philosophie besonders verheerend. Es gibt praktisch keine Philosophen, die sich mit Wirtschaft beschäftigen. Dabei waren die Wirtschaftswissenschaften ursprünglich eine Sparte der Philosophie. Als Adam Smith im 18. Jahrhundert seine Schrift «Der Wohlstand der Nationen» schrieb, stellte er sich die Frage, wie die Wirtschaftwissenschaften möglichst vielen Menschen materielle Grundlagen für ein erfülltes Leben bieten können. Wenn Sie eine solche Frage heute einem Wirtschaftsprofessor stellen, zuckt der die Schultern. Er beschäftigt sich lieber mit Strategien zur Förderung des Wirtschaftswachstums zu nahezu jedem Preis. Doch was, wenn das Wirtschaftswachstum ausbleibt? Ist Wirtschaftswachstum überhaupt nötig? Was wir wieder brauchen, ist politische Ökonomie. Und die ist, weil es dabei auch um Werte geht, ein philosophisches Geschäft.

Liegt die Funkstille an den Philosophen, die sich nicht einmischen – oder werden sie nicht gehört, nicht respektiert? Das liegt tatsächlich an den Philosophen, die sich nicht einmischen wollen. Es gibt in der Hochschulphilosophie eine Art Code: Macht man etwas Populäres, verliert man an Ansehen bei den Kollegen. Denn an der Uni werden Sie belohnt, wenn Sie Spezialistentum an den Tag legen. Etwa wenn man 50 Aufsätze über Hegel verfasst hat. Ausserdem ist die Philosophie des 20. Jahrhunderts von der analytischen Philosophie geprägt – und die beschäftigt sich per definitionem nicht mit Moral- oder Gesellschaftsfragen.

Was kann man dagegen tun? Man müsste die Ausbildung an den Hochschulen verändern. Jemand der Philosophie studiert, müsste auch Scheine in Wirtschaft oder Neurowissenschaften machen. Oder man bietet umgekehrt Philosophie nicht als Einzelfach an, sondern unterrichtet auch angehende Ingenieure oder Kulturwissenschaftler in Philosophie.

Handelt der Ingenieur letztlich nicht auch ökonomisch? Das ist so. Aber es gibt Unterschiede. Im Manchester-Kapitalismus galt Kinderarbeit als tolerierbar. Was ich sagen will: Auch kapitalistische Gesellschaften haben verschieden hohe Wertestandards. Ein Entscheidungsträger mit einem philosophischen Hintergrund weiss eher, was er der Gesellschaft an Anstand und Pflicht schuldig ist.

Zumindest im Volk ist Philosophie im Trend, wie Ihre Bücher beweisen. Wie erklären Sie sich das? Das Bedürfnis nach Sinn ist natürlich typisch für Gesellschaften, die materiell weitgehend befriedigt sind. Der Trend ist aber nicht neu, wenn man die fernöstlichen Weisheiten oder die Esoterik dazuzählt. Neu ist, dass sich die Leute wieder für die abendländische Philosophie interessieren. Dazu haben Jostein Gaarder und vielleicht auch ich ein bisschen beigetragen.

Nun befinden wir uns aber in einer Wirtschaftskrise. Ja, jetzt schlägt die Stunde der Philosophen, darüber nachzudenken: Was ist eine gerechte Finanzordnung? Was machen wir, wenn das Finanzsystem zusammenbricht?

Dem Volk hilft die Philosophie in der Stunde der Not aber kaum. Nein, da überwiegen die beiden starken Gefühle Angst und Wut – eine gefährliche Gemengelage. Wenn es tatsächlich ernst wird, ist die Gefahr, dass die Menschen linken oder rechten Populisten auf den Leim gehen, gross. Deshalb muss man schauen, dass man die Wut positiv kanalisiert und die Leute dazu bringt, sich zu engagieren und nicht nur zu protestieren.

Sie, oder zumindest Ihre Bücher, gelten als Populärphilosophie. Wie werden Sie eigentlich von Hochschulphilosophen wie Habermas oder Sloterdijk aufgenommen? Nun, Sloterdijk ist auch kein Hochschulphilosoph. Er ist zwar Rektor einer künstlerischen Hochschule, aber war auch immer ausserhalb des Betriebs aktiv. Mit ihm bin ich einmal in einer Talkshow gesessen, wir haben uns gut verstanden. Habermas habe ich noch nie getroffen, aber hoffe, dass es bald dazu kommt. Generell bin ich, soweit mir bekannt, noch kein einziges Mal von der Hochschulphilosophie angefeindet worden. Dafür sehen sich eher die Feuilleton-Journalisten zuständig, die sich anmassen, sie redeten stellvertretend für die Hochschulphilosophen. Ich halte das für einen Irrtum.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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