«Wir dürfen den politischen Islam nicht verharmlosen»

Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, sagt: Es darf keine Ausnahmeregelungen für Muslime geben.

«Die Schulbehörde hat aus Unwissen und Unsicherheit eingelenkt»: Saïda Keller-Messahli.

«Die Schulbehörde hat aus Unwissen und Unsicherheit eingelenkt»: Saïda Keller-Messahli. Bild: Miriam Otte

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Muslimische Schüler verweigern ihrer Lehrerin den Handschlag. Was ist davon zu halten?
Das ist aus meiner Sicht nicht statthaft.

Welche Muslime verweigern einen solchen Handschlag?
Im Allgemeinen sind es Muslime, die sich auf die Hadithe – mündliche Überlieferungen über die Lebensführung des Propheten – beziehen und diese eins zu eins anwenden wollen. Im Koran aber steht nirgends etwas von einem solchen Verbot. Fortschrittliche islamische Denker sehen die Hadithe denn auch als nicht verbindlich an, weil sie nicht zur Offenbarung gehören und viel später und zum Teil willkürlich entstanden sind.

An was stören sich die orthodoxen Muslime konkret?
Diese Art, die Berührung einer fremden Frau zu meiden, hat ihren Ursprung im folgenden, 1000 Jahre alten Hadith: «Es ist besser, dass einer von euch mit einem Eisenstachel in den Kopf gestochen wird, als dass er eine Frau berührt, die er nicht berühren darf.» Der Grund ist, dass ein Mann bei der Berührung einer fremden Frau sexuell erregt werden könnte. Somit wird vorausgesetzt, dass der Mann unfähig ist, seine Triebe zu kontrollieren, und dass die Frau Quelle von Sünde ist und nur als drohende sexuelle Versuchung gilt. Unsere Position besteht darin, solche Bilder, die sowohl männer- wie auch frauenverachtend sind, abzulehnen und stattdessen das Verhältnis von Frau und Mann unserer Zeit entsprechend zu definieren.

Nicht jeder Muslim, der Frauen nicht die Hand gibt, ist frauenfeindlich. Es gibt Muslime, die glauben, gerade auf diese Weise Respekt zu zeigen.
Ja, sie glauben das, doch implizit sehen sie in der Frau vor allem eine Gefahr, die ihnen droht. Insofern ist ihr Bild von der Frau ein feindliches.

Inwiefern ist diese Debatte vergleichbar mit der Burka-Debatte? Beide Debatten werden durch die Absicht und den Wunsch verbunden, nach dem religiösen Gesetz der Scharia (= der richtige Weg) zu leben, das heisst, Forderungen zu stellen, die politische Auswirkungen auf das soziale Zusammenleben haben. Es ist an uns allen, zu bestimmen, ob wir den politischen Islam hier in der Schweiz dulden wollen oder nicht.

Wieso, denken Sie, haben die Schulbehörden eingelenkt?
Ich denke, dass es für die Schule schwierig zu verstehen war, dass hier eine Forderung gestellt wird, die religiös nicht zu begründen ist, weil im Koran nichts dergleichen steht, und die rein politischen Charakter hat. Die Schulbehörde hat aus Unwissen und Unsicherheit eingelenkt, was im Fall dieser zwei Jungen sicher ein Fehler war. Es wäre an den Schülern, die Regeln und Bräuche ihrer Schule zu akzeptieren, anstatt mit einer solchen Forderung die Grenzen der Toleranz auszureizen.

Man könnte auch sagen: Wenn ein Muslim einer Frau nicht die Hand geben will, ist das kein Weltuntergang.
Wir dürfen unter keinen Umständen den politischen Islam verharmlosen. Dass immer wieder solche Forderungen – wie auch das Kopftuch für Mädchen oder der Schwimmdispens für muslimische Kinder – hier in der Schweiz mit Insistenz, ja Schamlosigkeit gestellt werden, zeigt, dass es nicht um Banalitäten geht: Sehr oft sind diese Forderungen nur die Spitze des Eisbergs. Im Hintergrund sind Islamisten und Salafisten aktiv daran beteiligt, solche Forderungen zu unterstützen und zu finanzieren, notfalls bis zum Bundesgericht. Herr Nicolas Blancho ist oft Gast von Fernsehsendern der Golfstaaten, und er ist sehr froh um solche Beispiele, die er dann vorbringen kann als Beweis dafür, dass die Muslime in der Schweiz diskriminiert werden und dass in der Schweiz eine sogenannte «Islamophobie» – sein Lieblingswort – herrscht.

Ein anderer Einwand, den man in solchen Debatten oft hört, ist jener von der «Entscheidungsmacht» über den eigenen Körper.
Es sind gerade solche Männer oder Jugendliche, die von sich behaupten, sich an die Regeln ihrer Religion zu halten, die sehr oft die Entscheidungsmacht über den eigenen Körper nur für sich in Anspruch nehmen und den weiblichen Mitgliedern der Familie dieses Recht oft nicht zugestehen. Hier in der Schweiz gilt ein Händedruck zur Begrüssung oder Verabschiedung als Zeichen der Höflichkeit und der Verbindlichkeit zwischen den Menschen. Und das sollte auch von muslimischen Männern respektiert werden.

Wenn man nun einlenkt: Besteht die Gefahr, dass es zu weiteren Ausnahmebewilligungen kommt?
Ja, diese Gefahr ist ganz real, und wir erfahren es immer wieder – in regelmässigen Abständen. Es wäre unklug, hier Ausnahmen für Muslime zu machen. Dieser Grundsatz betrifft übrigens auch den Schwimmunterricht, das Schullager und das Kopftuch für Schülerinnen. In der Schweiz gilt die Trennung von Politik und Religion. In den öffentlichen Schulen darf darum erwartet werden, dass religiös begründete Forderungen konsequent zurückgewiesen werden. Wir müssen die Muslime als vollwertige Bürger behandeln: Das heisst, dass sie grundlegende Regeln des friedlichen Zusammenlebens hier in der Schweiz zu akzeptieren haben. Schliesslich haben die meisten Muslime freiwillig entschieden, in der Schweiz zu leben, weil sie hier Freiheit und sozialen Frieden finden, die nicht zuletzt darauf zurückzuführen sind, dass alle, unabhängig ihrer religiösen Zugehörigkeit, sich ganz selbstverständlich an soziale Errungenschaften und Gepflogenheiten halten.

Lässt sich die Auseinandersetzung um religiöse Gebote und Verbote über Gesetze regeln?
Es sollte national geregelt werden, wie an Schulen und an anderen öffentlichen Institutionen mit religiös begründeten Forderungen umgegangen wird. Das würde uns zeitraubende Auseinandersetzungen ersparen.

Braucht es nicht auch eine intensivere innerislamische Debatte über die Frage, ob sich manche Traditionen und Regeln nicht überholt haben?
Diese Debatte findet in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern und ausserhalb dieser Länder schon lange statt. Wir befinden uns mitten in dieser Debatte; wir kennen viele Fälle von Intellektuellen, die sich dieser Frage öffentlich angenommen haben und deswegen im Gefängnis sind und um ihr Leben bangen müssen. Aber wie es Hölderlin einmal so schön formuliert hat: «Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.04.2016, 08:58 Uhr

Artikel zum Thema

«Es ist inakzeptabel, den Händedruck zu verweigern»

INTERVIEW Keine Ausnahmen beim Handschlag in Schulen: Das fordert Christian Amsler, Präsident der Schweizer Erziehungsdirektorenkonferenz. Mehr...

Muslimische Schüler dürfen Lehrerin Händedruck verweigern

Muslimen ist es laut islamischen Rechtsschulen nur erlaubt, die eigene Ehefrau zu berühren. Diesem Umstand gibt nun offenbar eine Schulleitung in Therwil BL nach. Mehr...

Service

Schnelle Info für zwischendurch

Lesen Sie die Nachrichten aus der Region in Echtzeit.

Kommentare

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...