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Wer führt hier wen?

Die Tanzplattform von Konzert Theater Bern sucht wieder einen Nachwuchs-Choreografen. Und erstmals können auch Studierende in einem Workshop Luft an der internationalen Tanzplattform schnuppern.

Konzentriert folgt Mara Peyer (Vierte v.l.) der führenden Tänzerin. Kiriakos Hadjiioannon (ganz rechts) leitet an.
Konzentriert folgt Mara Peyer (Vierte v.l.) der führenden Tänzerin. Kiriakos Hadjiioannon (ganz rechts) leitet an.
Nicole Philipp.

«Es besteht ein Unterschied zwischen einem Anführer und einem Boss.» Dieser Gedanke von Workshopleiter Kiriakos Hadjiioannon stand im Zentrum des Kurses, an dem Tanzstudierende der Zürcher Hochschule der Künste und der Kunsthochschule «Fontys» aus Holland teilnahmen. Er fand im Rahmen der Tanzplattform statt, die von Konzert Theater Bern organisiert wird.

Das Programm ist für die Tänzerinnen und Tänzer von Bedeutung: «Es holt uns aus der Schule raus. Wir sehen andere Tänzer, können backstage Kontakte knüpfen und auf einer anderen Bühne tanzen», erzählt die Tanzstudentin Mara Peyer. In Kontakt treten konnten sie beispielsweise mit KTB-Tanzchefin Estefania Miranda oder mit den potenziellen Nachwuchs-Choreografen des KTB. Diese stellten in den letzten drei Tagen ihre Choreografie vor, heute Abend ist die Preisverleihung.

Führung immer wieder übergeben

Zurück zum Workshop mit Ha­djiioannon. Das Thema: «Führen und folgen». Aus den siebzehn Teilnehmenden wurden drei Gruppen gebildet. Die Führung in dieser tänzerischen Übung übernahm die vorderste Person. Da die Gruppe in Bewegung war, wechselte die Führung stetig: Nach einer halben Drehung war jemand Neues zuvorderst, nach einer Vierteldrehung wieder eine andere Person.

Bei einem Führungswechsel mussten die restlichen agil den Fokus wechseln und gleich wieder die neue Bewegung aufnehmen und nachahmen. Nicht zu vergessen: Sie sprachen sich nicht ab, alles lief über Körpersprache und Aufmerksamkeit. So stoppte die Vorderste mal, die Hinterfrau mit der Nase in ihren Haaren.

Das charakteristische Spiel mit dem Boden

Die Figuren waren wie aus dem Ballettstück «Schwanensee» von Tschaikowsky: Sie formten mit ihren Armen und Oberkörpern einen Flügelschlag, dann hoben sie das Bein angewinkelt nach hinten zu einer Attitude und drehten. Sie spielten aber auch mit dem Boden, wie es für zeitgenössischen Tanz charakteristisch ist: Sie rollten ab, glitten auf dem Boden nach vorn oder krochen umher. Dann kam die Akustik dazu: Sie hoben die Arme und schnipsten mit den Fingern.

Es geht darum, an Grenzen zu stossen

Die Stimmung wirkte in der Mitte des Workshops ziemlich angespannt. Nahm Hadjiioannon sie zu hart ran? Er forderte von den Tanzenden viel. Trotzdem war er stark beeindruckt: «Die Tänzerinnen sind unglaublich gut, so intelligent.» Allerdings wollte er auch, dass sie an ihre Grenzen stiessen: «Sie müssen diese Seite von sich kennen lernen», sagte er. Sein Assistent Exequiel Barreras ergänzte: «Sie konfrontieren und fordern ihre eigene Persönlichkeit heraus.»

Das Wichtigste für Hadjiioannon ist, dass die Tänzer und Tänzerinnen mittels Selbstreflexionen lernen, Dinge zu benennen. Den Körper wüssten sie einzusetzen, aber ihm gehe es darum, dass sie sich auch mündlich ausdrücken könnten. Im Austausch in der grossen Runde erzählen die Teilnehmenden, dass sie das Spiel mit Kontrollverlust und das Ablegen von Wertung gegenüber dem eigenen Tanz mitnehmen können.

Konkurrenz gibt es bei den Solos

Beim Workshop sah alles sehr harmonisch aus. Gibt es Konkurrenzkämpfe? Die Tanzstudentin Mara Peyer antwortete: «Wenn wir zusammen trainieren, gibt es keine Konkurrenz. Aber wenn Choreografen kommen, schon. Da geht es darum, wer ein Solo bekommt.» Sie mögen sich alle sehr gern, kantonale und Landesgrenzen stehen da nicht im Weg. Die Studierenden kommen aus Italien, Holland, Deutschland und aus allen verschiedenen Ecken der Schweiz. Nur der Männeranteil sei klein: Gerade mal drei Männer sind dabei.

Am Schluss erinnerte der Workshopleiter nochmals: «Ihr wählt, auf welche Art ihr die Gruppe führen wollt. Lasst ihr die anderen leiden, oder haltet ihr die Gruppe zusammen?» Es ist offensichtlich, auf was er hinauswollte: Wahre Führungsqualität zeigt sich dadurch, dass die Gruppe zusammengehalten wird, und nicht dadurch, ein eigenwilliger Boss zu sein.

Preisverleihung: Nominierung des Nachwuchs-Choreografen, Samstag, 19.30 Uhr, Vidmarhallen, Bern.

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