Weniger Gefühl, bitte!

Güzin Kar fragt sich, wie lange es gut gehen kann, wenn Solidarität auf Sympathie und Betroffenheit aufbaut.

Die Bilder der überfüllten Züge mit fliehenden Menschen. Der tote Junge am Strand. Die Frauen in Bahnhofsunterführungen, die, selbst zermürbt und müde, die gespendeten Wolldecken über ihre schlafenden Kinder legen. Als ich diese Bilder sah, fühlte ich immer dasselbe: nichts. Vielleicht zuckte ich kurz zusammen, aber dieser dauerzitierte Trauer-Ohnmacht-Betroffenheits-Cocktail will sich bei mir nicht einstellen.

Das Einzige, was ich empfinde, ist Wut, nur ist diese nicht neu, sondern seit Jahren dieselbe, genauer seit der Syrienkrieg begann und es absehbar wurde, dass dies die schlimmste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg werden würde, und der Westen nicht nur zusah, sondern den Krieg nach Kräften unterstützte.

Vorher war die Apathie

Ich war enttäuscht von mir selbst, weil mir nichts Besseres einfiel, als wütend zu sein, auch über meine Regierung und mein Land, die Schweiz, das mit der Aufhebung des Botschaftsasyls ein Verbrechen begangen hatte. Bis vor kurzem hat dieser Krieg in seiner ganzen unermesslichen Dimension hier bei uns Apathie ausgelöst, und dass diese nun ins Gegenteil kippt, hat etwas Beklemmendes.

Gemeint sind selbstredend nicht all jene Journalistinnen, Helfer und Übersetzer vor Ort, die für die fliehenden Menschen der einzige Schutz vor weiterer Gewalt durch den rechten Mob oder Behördenwillkür sind. Ihnen gebührt grösster Respekt. Gemeint sind all jene, die vom Sofa aus ihre Betroffenheit zelebrieren, als wären sie selbst die wahren Leidtragenden.

Die Sofatrauernden

Weshalb macht es denn so viel betroffener, wenn Vertriebene nicht im eigenen Land umherirren, sondern bei uns? Diese Gefühlseuphorie hat auch etwas Beklemmendes, und dieses Misstrauen ist nicht mit jenem Zynismus zu verwechseln, den unsere rechtsdralligen Spassvögel mit ihren dümmlichen Witzen an den Tag legen. Man fragt sich aber unweigerlich, wie lange es gut gehen kann, wenn Solidarität auf Sympathie und Betroffenheit aufbaut, anstatt auf dem Wissen um Ungerechtigkeit.

Wie viele der Sofatrauernden haben die jüngste Debatte des Nationalrats zur Revision des Asylgesetzes verfolgt? Wie viele werden noch dabei sein, wenn es um Gesetze zu Kriegsmateriallieferungen geht? Was passiert, wenn morgen einer der neu ankommenden Flüchtlinge einen Einheimischen verprügelt, wenn sich morgen, übermorgen einer von ihnen hinstellt und sagt, das Essen sei lausig und das Fernsehprogramm auch? Was, wenn einer von ihnen sagt, er halte Frauen für minderwertig und Schwule auch?

Mehr Wachheit gewünscht

Dieser Moment wird kommen. Der Moment, in dem sich Vertriebene wie gewöhnliche Menschen benehmen mit all ihrer Kleinheit, Kleinlichkeit und Spiessigkeit, genau wie wir. Der Moment, wo die Vertriebenen zu Ankömmlingen werden und nicht mehr eine Masse sind, sondern lauter Einzelne, von denen einige gut und andere weniger gut sind.

Wohin wollen wir dann mit all den Gefühlen? Wären dann nicht die echten Demokraten gefordert, die sich für die Rechte von anderen einsetzen, wenn diese anderen sich komplett daneben benehmen? Anstatt Betroffenheit wünsche ich mir deshalb mehr Wachheit, um auch dann noch dranzubleiben, wenn Mitleid allein nicht mehr ausreicht, um die Lage zu meistern.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. www.guzin.ch

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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