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Warum Eddie Slovik sterben musste

Vor 75 Jahren richtete die US-Armee einen 24-jährigen Soldaten hin. Die Geschichte des bislang letzten Deserteurs, an dem die Todesstrafe vollstreckt wurde.

Erst galt er als «wehrunwürdig», dann wurde er doch eingezogen: Eddie Slovik. Foto: Getty Images
Erst galt er als «wehrunwürdig», dann wurde er doch eingezogen: Eddie Slovik. Foto: Getty Images

Als Edward D. Slovik am 31. Januar 1945 von elf Gewehrkugeln durchsiebt wird, ist er nicht sofort tot. Keiner der zwölf Männer des Erschiessungskommandos trifft sein Herz, einer schiesst aus zwanzig Schritten Entfernung sogar daneben.

Slovik, ein einfacher, 24 Jahre alter Soldat der US-Armee, stirbt erst, als die Schützen abermals zum Feuerstoss nachladen. Es ist das unglückselige Ende eines Menschen, der seine Flucht vor dem Grauen des Zweiten Weltkrieges mit dem Leben bezahlt.

Heute gilt die Exekution Eddie Sloviks in den USA als Unrecht. Benedict Kimmelman, der als Offizier den Kriegsprozess gegen Slovik mitverhandelt und das Todesurteil unterstützt hatte, gestand Ende der 1980er-Jahre im Geschichtsmagazin «American Heritage»: «Seine Hinrichtung war eine historische Ungerechtigkeit.» Kimmelman war überzeugt, dass das Urteil nie vollstreckt würde.

Tausende verurteilt, nur einer hingerichtet

Während des Zweiten Weltkriegs wurden Tausende US-Soldaten wegen Fahnenflucht verurteilt. Dem offiziellen Vermerk eines Militärjuristen aus der Nachkriegszeit zufolge erhielten 49 Soldaten sogar die Todesstrafe. Hingerichtet wurde nur einer, als letzter US-Deserteur bis heute: Eddie Slovik. Warum musste er sterben?

Slovik kommt am 18. Februar 1920 als Nachfahre polnischer Einwanderer in der Nähe von Detroit zur Welt. Im Alter von zwölf Jahren bricht Eddie Slovik gemeinsam mit Freunden in eine Giesserei ein und klaut Messing. Das bringt ihm seine erste Verhaftung ein. Weitere wegen kleinerer Diebstähle folgen.

Trailer zum Film «The Execution of Eddie Slovik» (1974)

1939, als Hitler-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg auslöst, ist das grosse Gemetzel für Slovik ganz weit weg. Er sitzt im Gefängnis, nachdem er und zwei Freunde betrunken ein Auto gestohlen und damit einen Unfall gebaut haben. Beim Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1941 gilt der Kleinganove als untauglich für den Militärdienst.

Nach seiner Haftentlassung 1942 will Slovik ein redliches Leben führen. Er heiratet und bekommt einen Job in einer Autofabrik. Mit seiner Frau Antoinette zieht er in ein Städtchen nahe Detroit. Der Journalist William Bradford Huie, der 1954 mit seinem Buch «The Execution of Private Slovik» erstmals auf dessen Schicksal aufmerksam macht, beschreibt ihn als einfachen und glücklichen Mann.

Das Ehepaar Eddie und Antoinette Slovik. Fotos: PD
Das Ehepaar Eddie und Antoinette Slovik. Fotos: PD

Doch dann werden die USA immer tiefer in den Krieg hineingezogen, Uncle Sam braucht jeden Mann – und plötzlich gilt auch das frühere Schmuddelkind Eddie Slovik als kriegstauglich. Er wird eingezogen und im Sommer 1944 nach Frankreich beordert. Dort drängen die Alliierten seit ihrer Landung in der Normandie die Wehrmacht immer weiter zurück.

Slovik wird dem 109. Infanterieregiment zugewiesen. Auf dem Weg zu der Einheit erlebt der junge Soldat erstmals die Schrecken des Krieges. Er sieht Leichen, ausgebrannte Lastwagen und zerbombte Orte. Seine Gruppe gerät unter schweren Beschuss, muss sich zum Schutz eingraben.

Das Todesurteil wird vom Oberbefehlshaber und späteren US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower abgesegnet.

Die Gewalt versetzt Slovik in Todesangst. Er will nicht kämpfen und bleibt in seiner Höhle. Wie aus dem Gerichtsurteil gegen Slovik hervorgeht, setzt er sich am 25. August 1944 von der Truppe ab. Er marschiert in eine französische Stadt, schläft in einem Krankenhaus und schliesst sich der kanadischen Militärpolizei an. Dort macht er sich beim Räumen von Minenfeldern nützlich.

Als er im Oktober zurück an seine Kompanie überstellt wird, weigert sich Slovik immer noch, in den Kampf zu ziehen. Er will seinem Land in Sicherheit dienen und gibt eine handschriftliche Erklärung ab. «Ich, Pvt. Eddie D. Slovik #36896415, gestehe die Fahnenflucht gegenüber der Armee der Vereinigten Staaten.» Der 24-Jährige berichtet von seinem ersten traumatischen Kriegserlebnis. Der letzte Satz klingt wie ein erbittertes Flehen um Gnade: «Wenn ich da noch einmal rausmuss, renne ich wieder weg.»

Am 11. November 1944 wird Slovik vor dem Kriegsgericht angeklagt und wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Während der Verhandlung sagt Slovik nichts. Sein Verteidiger plädiert auf «nicht schuldig», doch die Militärrichter haben ihr Urteil schnell gefällt. Lediglich über die Art und Weise der Hinrichtung gab es kurze Unstimmigkeiten. Weil die Erschiessung den Richtern als «weniger unehrenhaft» erscheint als das Hängen, wollen sie Slovik vor das Erschiessungskommando stellen.

Das Todesurteil wird vom Oberbefehlshaber und späteren US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower abgesegnet. Dass Slovik der einzige amerikanische Soldat ist, der seit dem Bürgerkrieg in den 1860er-Jahren hingerichtet wird, ist also kein Versehen des Militärs, sondern Kalkül.

An Slovik wurde ein Exempel statuiert

Denn die Alliierten stecken gerade mitten in der Abwehr der deutschen Ardennenoffensive und müssen herbe Verluste hinnehmen. Allein in der «Battle of Bulge» verlieren die USA rund 19'000 Soldaten. Die Strategen fürchten um den Kampfeswillen der GIs.

An dem Kleinkriminellen Eddie Slovik statuieren sie daher ein Exempel, wie aus einer Antwort des Judge Advocate General’s Corps, der obersten Justizinstanz der Armee, auf das Todesurteil hervorgeht. Darin heisst es, Slovik habe eine Haftstrafe beabsichtigt, um so an einen «sicheren Ort» zu gelangen. Eine «weniger strenge Strafe» als der Tod hätte ihn vor den Gefahren beschützt, «denen so viele unserer Streitkräfte täglich begegnen müssen».

Ein Gnadengesuch Sloviks nimmt General Eisenhower wohl nicht zur Kenntnis. Es endet laut Kimmelman mit dem Satz: «Meines Wissens habe ich mich seit meiner Heirat und als Soldat gut verhalten. Ich würde gerne weiterhin ein guter Soldat sein.»

Die Tötung Sloviks wird in den Vereinigten Staaten ein Thema, als der Autor William Bradford Huie Mitte der 50er ein Buch über den jungen Rekruten veröffentlicht. Eddie Slovik sei als Erster von den USA dafür getötet worden, etwas nicht getan zu haben. Der Autor macht auch auf das Schicksal der Witwe Antoinette Wisniewski Slovik aufmerksam. Sie wusste bis zu Huies Recherchen nichts von der Hinrichtung ihres Mannes.

Sloviks Grabstein in Detroit.
Sloviks Grabstein in Detroit.

Die Witwe kämpft fortan um Wiedergutmachung. Sie will, dass die Gebeine ihres Mannes in die USA überführt werden. In Frankreich ist er neben Soldaten begraben, die für Vergewaltigung und Mord exekutiert wurden. Nach der Verfilmung von Huies Buch 1974 erfährt ein Millionenpublikum vom tragischen Schicksal des jungen Rekruten. Und tatsächlich entscheidet die Regierung, Sloviks Überreste in die Heimat zu holen.

«Seit meiner Geburt hatte ich immer Pech», schrieb Slovik einmal kurz nach seiner Einberufung an Antoinette. Erst sie habe ihn glücklich gemacht, doch das Militär zerstöre alles. «Warum lassen sie uns nicht in Ruhe?»

Im Juli 1987, mehr als 40 Jahre nach seinem Tod, wird Slovik in den USA bestattet. Seine Frau erlebt die Rückkehr nicht mehr. Sie stirbt im Jahr 1979. Slovik wird neben ihr auf einem Friedhof in Detroit beigesetzt.

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