Und sie gaben ihm sehr böse Namen

Tim Wiese war Goalie der deutschen Fussball-Nati. Am Samstag nimmt er erstmals an einem Wrestling-Kampf teil. Über eine Biografie, die grotesker kaum noch werden kann.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Wann Tim Wiese endgültig mit der Normalität brach, weiss niemand so genau. Doch diesen Juni postete er ein unmissverständliches Selfie: Wiese, drapiert nur mit einem Badetuch, mit starrem Blick sich selbst knipsend. Sein Körper war ein aufgepumptes tätowiertes Muskelquadrat. Sein Kopf wirkte ganz, ganz klein. Wiese erinnerte frappant an Hulk, den grellgrünen Filmfreak. Sein Weg in den Wrestling-Ring war da nicht mehr weit. Morgen Abend ist Wiese Spezialgast am World Wrestling Event in Frankfurt. Weltweit werden eine halbe Milliarde TV-Zuschauer erwartet. Ob Wiese dabei erstmals selber in den Ring steigt, ist offen.

Vor dem Hulk-Selfie war Wiese bloss ein Bundesliga-Keeper, der seine Glanzzeit hinter sich hatte. Bei seinem jetzigen Verein TSG Hoffenheim war er bereits 2012 ins Hintertreffen geraten, nachdem er an einer Karneval-Party unangenehm aufgefallen war: er, als Sträfling kostümiert, und ein als Neandertaler verkleideter Freund wurden von der Polizei weggeführt. Aus der Mannschaft ausgeschlossen, brachte er danach demonstrativ lustlos seine Einzeltrainings hinter sich, die Hände in den Hosentaschen. An einem Vereinswechsel hat Wiese kein Interesse, sein sehr lukrativer Vertrag läuft noch bis 2016.

Fast Deutschlands Nummer 1

Aufgewachsen ist Wiese in Dürscheid bei Köln. Entdeckt wurde der Hauptschüler von Goalie-Berserker Toni Schumacher, dem umstrittenen, lautstarken Nationalgoalie der 1980er. 2002 gelang Wiese beim 1. FC Kaiserslautern der Einstieg in die Bundesliga, 2005 verpflichtete ihn Werder Bremen, wo er bis zu seinem Wechsel nach Hoffenheim 2012 blieb.

Seine beste Zeit hatte der 193-Zentimeter-Hüne vor fünf Jahren, als ihn Joachim Löw regelmässig in die deutsche Nationalelf berief. Kurzzeitig konnte er sich sogar Hoffnung auf die Nummer eins machen. An Wunderkind Manuel Neuer vom FC Bayern kam der ältere Wiese aber nicht vorbei. Wiese spielte solide und fiel regelmässig mit bunten Tenüs, rekordverdächtigen Gelladungen in den Haaren und einem krebsverdächtigen Solariumteint auf.

«The Scheisse»?

Er soll in Ruhe zur Normalität zurückfinden, sagte sein Trainer letztes Jahr, nachdem er Wiese mal wieder suspendiert hatte. Es war eine vergebliche Hoffnung. Wiese machte eine seltsame Verwandlung durch, wurde immer breiter, schwerer und muskulöser. «Mehr Muskeln machen mich schneller», sagte er, als er schon fast 120 Kilo wog; die Experten schüttelten den Kopf. Als er dann im Juni sein Hulk-Selfie postete, glaubte definitiv niemand mehr an eine seriöse Rückkehr des 32-Jährigen. Stattdessen nahm ein Gerücht seinen Lauf: Wiese wolle Wrestler werden.

Tatsächlich nahm die Organisation World Wrestling Entertainment im September Kontakt mit Wiese auf. Er freue sich sehr über die Einladung der WWE an den morgigen Event, sagte der Ex-Keeper der «Bild». «Mich interessiert Wrestling wirklich.» Wiese würde Teil einer illustren Tradition, Wrestler mit deutschen Abstammungen oder Namen waren und sind als Bösewichte beliebt. Figuren wie Hans Schmidt oder Karl von Hess spielten viele Jahre Schurken, die sich nach einiger Gegenwehr von amerikanischen Helden verdreschen liessen.

Noch hat Wiese keinen Kampfnamen, im Web kursieren derzeit mehr oder weniger fiese Vorschläge: «Painkeeper», «Herman The Muscles from Düsseldorf Wunder» oder gar: «The Scheisse». Der frühere Spitzenwrestler Alex Wright warnte Wiese davor, die Sportart zu unterschätzen. Er müsse bis zu drei Jahre trainieren, Griffe und Sprünge lernen, sagte Wright gegenüber «Focus».

Die eigentliche Herausforderung ist jedoch eine andere, weit grössere. Wiese müsste werden, wie ihn seine ärgsten Spötter schon lange sehen: eine Witzfigur.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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