«Tanzen ist eine Mutprobe für mich»

Kleinkunst Sein Beruf? Selbst erfunden. Sein Interesse? Alles, was nicht der Rede wert ist. Manuel Stahlberger ist der wortkargste Kabarettist, der derzeit durchs Land tourt. Und der beste – bald zu prüfen in Bern.

«Ich bin manchmal eher verwundert über mich selbst»: Manuel Stahlberger entdeckt auf der Bühne neue Seiten an sich.

«Ich bin manchmal eher verwundert über mich selbst»: Manuel Stahlberger entdeckt auf der Bühne neue Seiten an sich.

(Bild: Manuel Geisser)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Sie sind seit eineinhalb Jahren mit Ihrem Programm «Neues aus dem Kopf» unterwegs. Wird das Neue nicht langsam alt?Manuel Stahlberger: Für mich ist es besser, wenn ich nicht an den Worten herumstudieren muss auf der Bühne. Aber es ist ein schmaler Grat. Irgendwo ist der Punkt, wo es zu routiniert wird.

Was machen Sie dann? Ich stelle das Programm um. Und widme mich anderem. Zum Beispiel meiner Band. Wir haben jetzt wieder mit neuen Songs angefangen. Ich freue mich darauf, ganz einzutauchen in neue Geschichten mit der Band. Auf Tournee zu gehen. Das kann sehr erholsam sein.

Erholsam? Ich habe zwei kleine Kinder. Und ich kümmere mich viel um sie.Eine Tournee als Erholung vom Familienalltag?

Ja. Die Kinder brauchen mich sehr. Ich finde das auch gut so. Aber ein Ausgleich ist wichtig. Ich geniesse es sehr, einfach auf der Bühne zu stehen und Lieder zu singen. Wenn ich auf Tour bin, geht es für eine Weile nur um mich. Meinen Beruf mache ich nur für mich. Es ist ja ein selbst erfundener Beruf.

War es ein Bubentraum, auf der Bühne zu stehen? Nein, nie. Ich wollte immer etwas machen, bei dem ich im Hintergrund wirken kann.

Und jetzt stehen Sie ganz ­zuvorderst. Ja, weil ich mit 20 Jahren keine andere Möglichkeit sah, etwas zu machen, bei dem mir niemand dreinredet. Ich war damals in einer Phase, in der ich alles falsch fand, was mir von offizieller Seite zugetragen wurde, also auch von der Schule. So war es logisch, dass ich selbst irgendetwas für mich erfinden musste. Etwas, bei dem ich selbst die Regeln definiere.

Also wurden Sie Kabarettist. Ich zeichnete damals sehr viel. Mehr aus Versehen begann ich mit einem Freund Lieder zu machen. Das sprach sich herum. Und dann wollte ich diese Chance ­packen. Dass es eine Kleinkunstszene gibt, wusste ich damals gar nicht. Da sind wir reingestolpert. Das war alles eine kleine Entdeckungsreise. Und ich finde, diese Reise ist noch nicht fertig. In meinem kleinen Kosmos vom Schreiben und Zeichnen gibt es noch sehr viel zu entdecken. Das ist mein Antrieb.

Haben Sie sich am Kleinbürgertum festgebissen? Wie meinen Sie das?

Sie thematisieren in Ihren Programmen zum Beispiel Tram­poline in Schweizer Gärten. Oder das vermeintliche Idyll von Familienferien. Manche von diesen Sachen kenne ich selber. Nicht alles, zum Beispiel mit Trampolinen kenne ich mich nicht so aus. Die sehe ich einfach immer. Aber ich störe mich auch nicht daran. Manche haben vielleicht das Gefühl, ich würde über Trampolinbesitzer spotten.

Machen Sie das denn nicht? Ich denke, es macht sicher Spass, auf einem Trampolin herumzuhüpfen. Mir ist einfach aufgefallen, dass sie überall herumstehen. Ich weiss gar nicht, ob das speziell kleinbürgerlich ist. Vielleicht ist es den Leuten einfach so passiert.

So wie einem auch missratene Familienferien passieren? Ja, das kann jedes Milieu betreffen, Ober- oder Unterschicht. Ich zum Beispiel komme aus der Mittelschicht. Irgendwo sind wir alle aufgewachsen. Und man gibt sich Mühe, es so gut zu machen, wie es geht.

Geht es in Ihren Texten darum? Ich denke schon. Anfang zwanzig, auf meiner ersten Tour, hatte ich eine Phase, als ich mich an Konventionen festgebissen hatte. Da sind wir spöttisch über diese Dinge hergezogen. Dabei hatten wir eigentlich keine Ahnung. Wir fanden uns cool dabei, die anderen bieder zu finden. Das ist auch einfach, wenn man auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Heute interessiert mich das überhaupt nicht mehr. Es ist mir zu blöd. Und ich finde es auch unfair.

Dann erzählen Sie Ihre Geschichten aus einem Gefühl der Menschenliebe. Das klingt jetzt fast religiös. Es ist ja nicht so, dass ich alles richtig finde. Aber man muss schon sehr viele Hintergründe kennen, um etwas als richtig oder falsch zu bezeichnen. Das ist nicht, was mich in der Kunst interessiert. Ich mag es lieber, wenn mir eine Geschichte erzählt wird, mit der ich angeregt werde, weiterzudenken.

Sie beobachten viel . . . . . . aber beobachten heisst nicht unbedingt, dass man eine geschärfte Meinung zu etwas hat. Richtig verstehen kann man etwas nur, wenn man drinsteckt.

Sie beobachten vor allem die kleinen Dinge. Sachen, bei denen man sich einig ist, dass sie nicht der Rede wert sind, bei denen finde ich, dass sie sehr wohl der Rede wert sind. Aber nicht, weil das meine Mission ist, sondern weil ich mich in diesen kleinen Kreisen drehe.

Zum Beispiel? Es gibt ein älteres Lied von mir, es heisst: «Mir schaded de Wirtschaft». Da versuchte ich, einen grossen Protestsong zu schreiben. Aber ich habe es nicht hin­gekriegt. Am Schluss war es nur ein kleiner Song für eine kleine protestierende Masse. Die findet dann: Jetzt schaden wir der Wirtschaft und laufen in den Laden und mit leeren Händen gleich wieder hinaus. Mit dem Argument, dass es der Wirtschaft schade, kann man so vieles gleich im Keim ersticken.

Und Sie drehen den Spiess um und wollen selbst der Wirtschaft schaden, indem Sie nichts ­kaufen. Man ist ja eigentlich machtlos. Und der Song beschreibt diesen machtlosen Blick von unten. Gleichzeitig ist es auch ein trotziger Blick. Also doch ein Protestsong. Aber einer, mit dem man Geduld haben muss.

Sie gelten als Melancholiker. Das kann sein. Ich bin manchmal eher verwundert über mich selbst. Und das meine ich nicht kokett. Manches merkt man erst mit Verzögerung. So hiess es immer, ich sei ein Stoiker auf der Bühne. Etwa nach 10 Jahren habe ich das dann selbst bemerkt. Wenn ich diese Selbsteinschätzung schon am Anfang gehabt hätte, wäre ich vielleicht gar nie auf die Bühne gestanden. Ich versuche einfach das, was ich mache, auf meine eigene Art zu machen. In offizieller Mission bin ich sicher eher zu kontrolliert als zu geschwätzig.

Wobei man sich nicht vorstellen kann, dass Sie jemals geschwätzig sind. Vielleicht eher gelöst. Zum Beispiel beim Tanzen. Das mache ich nur mit den Kindern.

Auf der Bühne tanzen Sie doch. Das ist als Mutprobe zu ver­stehen. Eine Bewegungsnummer ziemlich am Anfang, damit ich den Rest des Abends gelöst angehen kann. Mittlerweile tanze ich ziemlich routiniert, aber nur diesen einen Tanz, den ich kann.

Live: Do, 1. bis Sa, 3. Juni, 20 Uhr, La Cappella, Bern.

Berner Zeitung

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