Studieren – aber richtig!

ETH-Rektorin Sarah Springman fordert mehr Freiräume für die Studenten. Das ist ermutigend.

«Exzellente Schafe»? Sportwissenschaftler der Uni Basel. (3. Mai 2011)

«Exzellente Schafe»? Sportwissenschaftler der Uni Basel. (3. Mai 2011)

(Bild: Keystone Ennio Leanza)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Bis Ende Woche können sich die Maturanden noch für das Herbstsemester einschreiben. Die eine oder der andere wird sich das zweimal überlegen, denn Studenten habens heute nicht leicht. Ihnen schlägt eine paradoxe Kritik entgegen: Einerseits werfen ihnen Alt-68er vor, sie seien zu strebsam und angepasst. Anderseits vergeht kaum eine Woche, in der Ökonomen und Rechtspolitiker nicht das Bild vom faulen, müssigen Studenten bemühen.

Die vom Verband der Schweizer Studierendenschaften lancierte Stipendieninitiative wurde jüngst brutal abgeschmettert; die Bereitschaft, Studenten aus dem ökonomischen Rattenrennen herauszuhalten, ist in den letzten Jahren merklich gesunken. Typisch für diesen aggressiven Missmut ist der Vorschlag, den der Berner Volkswirtschaftler Stefan Wolter Anfang Monat machte: Wer nach dem Studium Teilzeit arbeite, solle dem Staat Entschädigungsgeld zahlen.

Zur rechten Zeit kommt da die «Critical Thinking»-Initiative der ETH. «Unsere Studierenden brauchen mehr Zeit zum Denken. Lernen alleine genügt nicht», sagte die neue Rektorin Sarah Springman gestern gegenüber der «NZZ am Sonntag». Springman will Prüfungsdruck wegnehmen und dafür Freiräume für Experimente und Interaktion schaffen. In Sommerkursen und Diskussionsrunden werden für einmal die ganz grossen Themen aufgeworfen: Wann ist eine Gesellschaft gerecht? Warum gibt es Religionen? Wie entsteht Kreativität?

Credits, Credits, Credits

Der Weg der ETH empfiehlt sich dringend zur Nachahmung. Nach der Bologna-Reform wurden Studiengänge massiv verschult, die eigentlich Laboratorien des Denkens sein sollten: die geisteswissenschaftlichen Fächer vor allem, aber auch die Ökonomie. Auch für deren Studenten gilt, was Springman für die ETH festgestellt hat: «Die Studenten rennen häufig von einer Aufgabe zur nächsten, um möglichst schnell genügend Credits zu machen, und reiben sich mit den vielen Prüfungen und Arbeiten auf.»

Unter solchen Bedingungen ist es schwierig, sich in Grundsatzfragen zu vertiefen. Studieren im umfassenden Sinn – dazu gehört auch: die Gedanken schweifen lassen, mit Kommilitonen debattieren, Bücher abseits der Prüfungsvorgaben lesen – ist heute häufig nicht dank, sondern trotz der Uni-Reglemente möglich. Das Bemühen um einen reibungslosen Übergang zwischen Hochschule und Arbeitsleben und um ein rasches Hinter-sich-Bringen dominiert das Studium von Beginn weg.

Mangel an Ideen und Visionen

Wohin diese Entwicklung führen kann, zeigte jüngst der Bildungsexperte und frühere Yale-Dozent William Deresiewicz am Beispiel der US-Eliteunis. Diese hatten die Anreize geschaffen für eine Studentengeneration, die sich bei ihrem Streben nach Punkten und Bestnoten selbst abhandenkam. Nicht einmal im Ansatz kamen sie zum viel beschworenen «thinking outside the box». Stattdessen wählten viele den direkten Weg zu den grossen Banken, wo sie wiederum exakten Zielvorgaben nachjagten – und nicht selten mit 30 in der Sinnkrise endeten. Deresiewicz prägte für sie den Begriff der «exzellenten Schafe».

Zugleich beweist der Blick in die Zeitungen in aller Deutlichkeit: Der Courant normal reicht nicht mehr, gerade in Europa und auch in der Schweiz. Einerlei, ob es um die Flüchtlings- oder die Eurokrise, um Demografie- oder Umweltfragen geht. Nötig sind neue Ideen und Visionen, die über das Verwalten und das verzweifelte Festkrallen des Bestehenden hinausgehen. Und wo sollen diese Ideen und Visionen entstehen, wenn nicht innerhalb der grossartigen, bewährten Institution der Hochschule?

Lassen wir sie also in Ruhe studieren, die Studenten. Aber richtig.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt