Mutlose Frauen

Güzin Kar über vermeintlich fehlende Expertinnen und den ständigen Kampf um Würde.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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«Sie sind Migrant der vierten Generation, Vater von vier Kindern sowie Politiker und Unternehmer. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?» Kann man sich vorstellen, dass Christoph Wolfram Blocher in einer Fernsehsendung auf diese Weise vorgestellt würde? Vielleicht in einem «Club» zum Thema «Doppelbelastung» oder «Integration im Alter»? Oder wäre es denkbar, dass man Lukas Bärfuss mitten im Interview ein paar lockere Fragen zu seiner Hautpflege stellt und ihn aushorcht, ob er die Partnerin öfter betrüge – bei so vielen Groupies, die einer wie er doch haben muss?

Anlass zu dieser gedanklichen Sottise war eine Debatte auf Twitter über die fehlenden Frauen in der Sendung «Arena», an der sich unter anderen Moderator Jonas Projer beteiligte und der sich darüber beklagte, wie schwierig es sei, weibliche Diskussionsgäste für seine Sendung zu finden. Zu Recht, da diese Einschätzung von vielen Redaktionen geteilt wird. Es fehle Frauen an Mut und Selbstvertrauen, sich öffentlich zu exponieren, heisst es.

Eher Anschauungsmaterial als

Meine eigene Erfahrung als Filmerin ist eine andere. Als ich einmal über Social Media Leute suchte, die mir vor der Kamera die Frage «Was ist Glück?» beantworten wollten, sprangen fast alle Männer, die eben noch begeistert zugesagt und mir ungefragt technische Tipps erteilt hatten, unter diversen Vorwänden wieder ab. Übrig blieben Frauen, die zu Beginn misstrauisch waren, sich aber dann gekonnt und eloquent äusserten. Es bleibt offen, ob sich die Männer durch mein Verhalten ähnlich verunsichert fühlten wie Frauen bei Talksendungen. In einer zweiten Runde klappte es allerdings auch mit den Männern.

Diese Episode zeigt, dass es nicht durchs Band weg so ist, dass Frauen sich nicht trauten. Sie wollen bloss die Sicherheit haben, dass sie respektiert und dass ihre Grenzen beachtet werden. Das ist nicht übervorsichtig, sondern berechtigt, denn als Frau wird man seltener zum eigenen Fachgebiet eingeladen, sondern öfter als Anschauungsmaterial zu biografisierenden Sichtweisen, selbst wenn diese reine Projektion sind.

Ständiger Kampf um Würde

Die erfundenen Anekdoten ganz am Anfang erleben Frauen in der Realität, und zwar unabhängig von Beruf und Interessensgebiet. Ich selber erhalte regelmässig Anfragen, die auf meine vermutete Herkunft abzielen, obwohl ich mich dazu nicht äussere («Das steht aber so auf Wikipedia!»). Also geht man automatisch davon aus, dass ich erstens Migrantin und Muslimin sein und zweitens allergrösste Lust haben müsse, mich als solche zu äussern. Genausogut könnte ich als Fallbeispiel zu Alzheimer bei Hunden auftreten. Ausserdem erregt mein Sexualleben wohl besonderes Interesse, denn zwei Interviews begannen mit der Frage: «Wie viele Männer haben Sie?»

Nicht nur mir ergeht es so. Die preisgekrönte Kriegsreporterin Antonia Rados wird in einem Reporterforum im Gegensatz zu den männlichen Kollegen, bei denen die Einsatzgebiete genannt werden, mit dem zusätzlichen Ausflug ins Privatleben vorgestellt: «Sie ist Mutter zweier Kinder.» Sie antwortet darauf: «Da wissen Sie mehr als ich.» Nicht jede Frau ist so geistesgegenwärtig. Nicht jede Frau mag sich diesen ständigen Kampf um Würde antun. Und solange man uns Frauen als Körper in Runden stellt und nicht als Geist, als Expertin, bleibt uns keine andere Wahl, als abzuwägen und wenn nötig abzusagen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.04.2016, 15:01 Uhr

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