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Miss Winehouse und wir alle

Güzin Kar missfällt, dass Filmen zusehends die Rolle des sozialen Korrektivs zugeschrieben wird.

In «Amy – The Girl Behind the Name» gibt es gegen Ende eine Szene, als Amy Winehouse, wie ein Zootier auf der Bühne stehend, das Publikum anstarrt, stumm, halb amüsiert. «Sing, oder ich will mein Geld zurück», schreit einer hoch, sie bleibt stumm. Der Tanzbär, der nicht mehr tanzt. Wir alle haben diese Szene schon einmal erlebt, damals, als sie in der Presse und im Fernsehen breitgetreten wurde. Wir haben uns für Amy geschämt, haben den Kopf geschüttelt und sie peinlich gefunden mit ihren Steckenbeinchen.

Im Film ist sie wieder da, die Sängerin mit der göttlichen Stimme, als wäre sie nie aus dem Leben und aus den Boulevardspalten verschwunden. Die Meinungen über den Film gehen selbstredend auseinander, es wird hier gelobt, dort bemängelt. Ist das nicht zu viel an Voyeurismus? Wieso kommen die Männer, die sie verdarben, zu gut weg? Weshalb macht «Amy» aus einer starken Musikerin eine schwache Frau? In dieser Kritik kommt etwas zum Ausdruck, das zurzeit weit verbreitet ist und den Anspruch entlarvt, der ans Kino gerichtet wird: Filmen wird zusehends die Rolle des sozialen Korrektivs, des Geraderückers eines gesellschaftlichen Missstandes zugeschrieben. Der künstlerische Ausdruck soll einem politischen weichen, als seien Appelle und Beschwörungen wichtiger als Erzählungen.

Männer und Medien sind böse

Wir wollen mehr starke Frauen in der Gesellschaft, also dürfen Frauen von jetzt an nur noch stark gezeigt werden. Wir wollen, dass alle Frauen selbstbestimmt leben und entscheiden, also dürfen die verhängnisvollen Abhängigkeiten von Liebespartnern, denen viele Künstlerinnen verfallen, nicht mehr im Zentrum eines Films stehen. Und vor allem aber: Weil wir wünschten, dass wir niemals zu jenen gehört hätten, die Menschen auslachen, wenn sie krank werden, darf ein Film keine zeigen, die krank sind. Wenn, dann darf er dies nur mit der entsprechenden Schuldzuweisung tun: Die Männer und die Medien sind die Bösen. Aber wir alle haben mitgelesen und -geschaut, was wir zu gern vergessen würden. Und wir alle haben über Jay Lenos Witze über die bulimische Drogenabhängige gelacht. Das kommt im Film vor, und das würden wir gern verdrängen. Ebenso wie die Tatsache, dass teilweise dieselben Namen, die noch vor einigen Jahren genüsslich das Verhalten der Zerfallenden beschrieben, jetzt den Film verteufeln.

Wir hätten diesen Film viel besser gemacht, wenn man uns gefragt hätte. Man hat uns nicht gefragt, weshalb wir uns das bessere Ich nun als Zuschauer erschaffen müssen. Eines, das Amy damals, als sie wieder sturzbetrunken aus einem Auto schwankte und an irgendwessen Seite in irgendeiner Tür verschwand, in den Arm nahm. Das bessere Ich, das an ihren Konzerten «Abbrechen!» rief, um die Getriebene vor dem Auge des Mobs zu schützen, und nicht mit der Handykamera draufhielt.

Und schliesslich das bessere Ich, das stets die Musikerin und deren Werk wahrnahm und nicht die öffentlich gelebte Attitüde von einer, die mit dem Leben nicht klarkam. Der Film soll uns nun, nach ihrem Tod, das Gefühl vermitteln, dass unser Tun kein zerstörerisches war, dass Amy wiederauferstanden ist, stärker als je zuvor. Er soll die spirituelle Erlösung bringen. Nicht Amy Winehouse, sondern uns soll er erlösen. Von der Scham des Mitwissers. Dass er es nicht tut, spricht für ihn.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Regisseurin. www.guzin.ch

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