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Manhattan Transfer

Die Bürgermeister Giuliani und Bloomberg haben New York sicherer gemacht – und die Stadt gezähmt.

Jean-Martin Büttner
Blick auf Lower Manhattan: Sauberer und steriler ist New York in den letzten Jahren geworden. Bringt die Bürgermeisterwahl einen Kurswechsel?
Blick auf Lower Manhattan: Sauberer und steriler ist New York in den letzten Jahren geworden. Bringt die Bürgermeisterwahl einen Kurswechsel?
Keystone

Schon von weitem zeigt die Schöne ihre schlanken Hochhäuser, die sich im Morgenlicht spiegeln, Kathedralen des Kapitals auf der Insel der Verlockungen. Die Fahrt über die Brooklyn Bridge beschleunigt den Puls, die Ankunft in Downtown Manhattan beschleunigt den Blick, das Adrenalin kickt ein. Alles kommt einem schneller, wacher, intensiver vor, die Luft ist verschmutzt und riecht rein, die Stadt surrt vor Energie.

Im Stadtinneren zeigt sich, wie sehr sich der Stadtteil verändert hat in den zwanzig Jahren republikanischer Herrschaft im weissen Rathaus. Zuerst unter dem sanguinischen Republikaner Rudolph Giuliani, dann unter dem multimilliardären Ex-Republikaner Michael Bloomberg. Früher sah Manhattan aus wie von Martin Scorsese gefilmt, grell, unberechenbar, gefährlich. Heute erinnert es an eine möblierte Komödie von Woody Allen: gesetzt, gehoben, versichert.

Überall wuchert es

Früher fuhr man U-Bahn auf eigene Gefahr, heute fahren Frauen ohne Angst. Früher war der Times Square voller Sex, jetzt ist er voller Disney. Früher drängten die Autos dazwischen, heute fährt man mit dem Velo vor. Früher war alles grau, heute blüht es auf den Dächern, auf den Trassees.

Früher zog die 125. Strasse, die Demarkationslinie zum schwarzen Viertel Harlem, einen Graben der Abschreckung. Heute haben sich Branchenläden wie MAC Cosmetics, Old Navy oder H & M in die Strasse eingereiht, und Bill Clinton führte hier zehn Jahre lang sein Büro. Früher rüttelte in Lower Manhattan die Kultur. Früher uferten die Feste aus, Musik quoll aus den Clubs, die Bars waren vollgeraucht, beim Busbahnhof taumelten die Fixer. Heute finden die wilden Feste in New Jersey statt, die Rauchverbote werden immer strenger, und es kommt einem vor, als seien die Armen und Fixer in die umstehenden Stadtteile ausquartiert worden.

«Die Gentrifizierung ist die milde Form der ethnischen Säuberung», hat der marxistische Philosoph Marshall Bermann über seine Stadt geschrieben. Vor allem Manhattan ist zum Leben und Wohnen unerschwinglich geworden. Die Bodenpreise bedrohen die Vielfalt, sozial, kulturell, wirtschaftlich. Die Jungen, die Künstler, die Armen ziehen sich auf die Aussenbezirke zurück, dafür wurde gerade wieder ein Hochhaus fertiggebaut, dessen Wohnungen Millionen kosten. Die Bloombergisierung macht aus Manhattan einen Hochsicherheitstrakt der Wallstreet. Früher war der Stadtteil unbewohnbar, heute ist er unbezahlbar.

Ganz, schön, teuer

Dass Manhattan sicherer, grüner und noch schöner geworden ist, hat seinen Preis; denn gleichzeitig ist er steriler, teurer und noch reicher geworden.

Und doch bleibt diese Stadt grossartig, ein Kraftfeld, das alle magnetisiert. Weshalb es einem komisch vorkommt, wenn ausgerechnet Zürich die Entzauberung New Yorks beklagt. Die Zürcher waren lang verrückt danach, sie lieben auch Hochhäuser, solange sie anderswo stehen. Seit New York weniger kalt ist, finden manche Zürcher es nicht mehr cool. Dass man sich dort sicher fühlt, halten sie für bieder.

Sie reden über die Stadt und beschreiben sich selber.

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