«Manchmal verfluche ich Helga»

Regula Esposito steht seit 30 Jahren auf der Bühne, 18 davon mit den Acapickels. 2008 startete die Zürcherin als Helga Schneider solo durch. Jetzt ist sie mit dem Circus Knie unterwegs.

So sieht Helga Schneider in echt aus: Regula Esposito (52) lächelt aus dem Zelt des Circus Knie.

So sieht Helga Schneider in echt aus: Regula Esposito (52) lächelt aus dem Zelt des Circus Knie.

(Bild: Susanne Keller)

Die Zeltstadt des Circus Knie auf der Luzerner Allmend wirkt wie ausgestorben. Es ist später Nachmittag und 30 Grad im Schatten. Regula Esposito erscheint in einem schlichten blauen Kleid, das ihr um die Hüften etwas weit geworden ist.

Die gelernte Hochbauzeichnerin, Sängerin und langjährige Komödiantin stellt sich als «Regula» vor und sagt fast entschuldigend: «Seit ich mit dem Circus Knie auf Tour bin, purzeln die Kilos.»Wer die 52-Jährige nur als Helga Schneider kennt, wie sie mit 1960er-Jahre-Lunettes, Monsterperücke und schriller Kostümierung über die Bühne flitzt, würde den Menschen hinter der Kunstfigur kaum erkennen. «Ich kann inkognito an eine Bar, solange mich mein Lachen nicht verrät», sagt Esposito.

Das schnoddrige Züritüütsch ist ein Markenzeichen der hitzigen Comedyfigur. Im Programm «Hellness» stilisiert sie die Menopause zum ultimativen Schenkelklopfer und bezeichnet die Falte im Vergrösserungsglas auch mal als Grand Canyon. Seit zehn Jahren zieht Esposito als Helga Schneider durchs Land und sorgt für tränenreiche Heiterkeit.

Ihre Schilderungen des alltäglichen Wahnsinns einer Mittfünfzigerin mit dem Hang zur Geschwätzigkeit sind Kult. «Ich bin auch privat redselig», bekennt sie und zupft an ihrem Kleid, um kühle Luft zwischen Stoff und Haut zu kriegen.

«Je länger meine Karriere dauert, desto angespannter bin ich vor  Auftritten.»Regula Esposito

«Manchmal bin ich ein Tubel», sagt sie dann. «Ich sage, was ich denke, und das kommt nicht immer gut an.» Ihr ausgeprägtes Temperament hat Gründe. Der Grossvater stammte aus Italien und wurde in den frühen 1960er-Jahren eingebürgert. «Damals war es für italienische Einwanderer nicht einfach in der Schweiz.

Mit einem ‹Tschinggennamen› war man auch mit einem Schweizer Pass noch Ausländer. Darum erhielten auch meine Brüder mit Urs und René typische Schweizer Namen.» Sie selber hält die Wortkombination für die Faust aufs Auge: «Ich hätte lieber einen melodiöseren Vornamen, auch wenn ich eine Füdlibürgerin sein kann.»

Der grosse Kitzel

Esposito hat mehrere Auszeichnungen im Bereich Comedy erhalten, den Salzburger Stier mit den Acapickels oder den Prix ­Walo als Solokünstlerin zum Beispiel. Die Anfrage vom Circus Knie kam jetzt einem Ritterschlag gleich.

«Ich habe mir viele Gedanken gemacht, ob Helga in eine Manege passt», sagt Esposito. «Schliesslich war der Kitzel grösser als die Bedenken.» Der Empfang beim Zirkus sei herzlich gewesen, der Support enorm. «Ich mache mir allgemein mehr Druck. Je länger meine Karriere dauert, desto angespannter bin ich vor Auftritten.

Einerseits möchte ich mich künstlerisch weiterentwickeln und mit Neuem überraschen, andererseits will ich die Fans nicht vergraulen. Diesen Mix hinzukriegen, ist die grosse Herausforderung.»

Und was vermisst Esposito am meisten fernab der eigenen vier Wände im Zürcher Kreis 5? «Meine eigene Welt, Freunde und Kreativkollegen», sagt sie. Unter der Zirkuskuppel ist sie angekommen. Wenn sie die Artisten liebevoll «Helga» rufen, dann gehört Regula dazu. «Am wohlsten fühle ich mich, wenn wir länger an einem Ort gastieren», sagt Esposito, «ansonsten muss ich den Supermarkt mit dem Navi ­suchen.»

Der seltene Moment

Wie besteht man als Frau in der Männerdomäne Stand-up-Comedy? Regula Esposito hat die Frage erwartet. Sie sagt: «Männer treten offensiver auf und hauen etwas raus, eine Frau macht sich mehr Gedanken im Vorfeld. Ich stelle jedoch fest, dass wir zunehmend den Mut haben, den Mund aufzumachen. Und ja, wir Frauen sind komisch!»

Die Kunstfigur Helga verfluche sie hingegen manchmal. «Es sind die Momente, in denen ich in Jeans und Turnschuhe vor die Leute treten und mir das ganze Tamtam mit Schminken und Perückezupfen ersparen möchte.»

Das private Glück

Wenn Helga Schneider bei der Knie-Tour im Welschland und Tessin von Marie-Thérèse Porchet abgelöst wird, bereitet sich Regula Esposito in dieser Pause auf ihr viertes Soloprogramm vor. «Ich gehe in Klausur im schönen Wien», sagt sie und schafft die Überleitung zum privaten Glück.

Die Künstlerin ist mit Fredy Bickel, dem früheren Sportchef des BSC Young Boys, liiert, der als ­Geschäftsführer beim SK Rapid Wien unter Vertrag steht. Esposito kommt ins Schwärmen. «Ich bin wahnsinnig verliebt», sagt sie. «Ich bin zwar eine Fussballbanausin, aber wir sind beide kulturaffin und gehen an Konzerte.»

Die Frau, die selbst hartgesottenen Kerlen Lachsalven abringt, bleibt auch beim Thema Kinder fadegrad: «Wäre ich Mutter geworden, hätte es ein anderer Job sein müssen. Ich habe Neffen und Nichten, die ich häschele und bäschele, aber ich gehöre zu den Frauen, die glückliche Nicht-Mütter sind.»

Circus Knie in Bern:10. bis 22. August, Allmend. www.knie.ch

Berner Zeitung

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