«In der Romandie sind Alkohol und Tempo ein Problem»

Interview

Seit 75 Jahren versucht die BFU, Unfälle zu vermeiden. Direktorin Brigitte Buhmann über Pudel in Cabrios, Airbags in Altersheimen und Sicherheitsparanoia.

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Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Frau Buhmann, ich bin ohne Velohelm, ohne Skihelm, ohne Kindersitz und ohne Sicherheitsgurt aufgewachsen. Habe ich Glück gehabt, dass ich meine Kindheit unfallfrei überlebt habe? Brigitte Buhmann: «Glück gehabt» klingt so, als würde die Hälfte der Kinder wegen eines Unfalls sterben. Das Unfallrisiko ist relativ klein. Tatsache ist aber, dass wir im Jahr 1971 noch fast 2000 Tote im Strassenverkehr hatten, vergangenes Jahr waren es noch 339. Wir haben einen enormen Fortschritt gemacht. Als ich 16-jährig war, ist eine Kollegin tödlich mit dem Töffli verunfallt. Sie trug keinen Helm. Vielleicht hätte sie 20 Jahre später überlebt. Seither sind die Strassen, Autos und Schutzprodukte wie Helme sicherer worden.

Es gibt immer wieder neue Sicherheitsempfehlungen. Wird das Leben unsicherer oder sind wir ängstlicher? Es gibt einen gesellschaftlichen Trend zu mehr Gesundheitsbewusstsein. Andererseits gibt es auch immer mehr technische Möglichkeiten, sich zu schützen. Beim Skihelm ist es ein interessantes Phänomen. Als ich zur BFU gekommen bin, hatte ich auch noch keinen Skihelm. Ich habe mir aber gleich im ersten Winter einen gekauft und würde ihn nie mehr hergeben. Er ist bequem und ich kriege keine kalten Ohren mehr.

Fühlen Sie sich sicherer? Das kann ich nicht sagen. Ich finde ihn bequem und trage ihn, weil ich weiss, dass es sicher ist.

Was ist mit dem Velohelm? Der ist noch viel wichtiger als ein Skihelm, weil man auf der Strasse eindeutig mehr Kopfverletzungen verhindern kann als auf der Skipiste. Aber ich gebe zu, Velohelme sind umständlich. Wo soll man beispielsweise beim Einkaufen mit dem «blöden» Helm hin? Dafür gibt es jetzt aber eine Lösung, einen Helmtresor. Das ist eine Art gefüttertes Stahlnetz, mit dem man den Helm auf dem Sattel festbinden und das Velo gleichzeitig abschliessen kann. So versuchen wir die Umständlichkeit zu umgehen.

Auf meinem Arbeitsweg trage ich keinen Velohelm. Wenn ich jedoch an Ihre Kampagnen denke, fühle ich mich beim Fahren unsicherer als ohne BFU-Plakat im Kopf. Wenn Sie sich deswegen einen Helm zulegen, ist unser Ziel erreicht. Wir wollen ja Unfallschäden verhindern.

Ist das keine Angstmacherei? Wir wollen den Leuten nicht Angst machen, sondern sie zum Denken anregen, ohne Drohfinger. Sie sollen sich bewusst werden, welches Risiko sie in Kauf nehmen und anschliessend einen bewussten Entscheid treffen. Drohkampagnen haben damals in den Fünfzigerjahren noch gewirkt, heute würde eine Knochenhand auf einem Verkehrsplakat nichts mehr nützen. Für Kinder ist ein Helm aber wirklich sehr zu empfehlen. Wenn sie bei einem Unfall schwer verletzt werden, sind sie unter Umständen ihr ganzes Leben behindert. Deshalb hätten wir gerne ein Kinderhelmobligatorium gehabt, aber das wurde von der Politik abgelehnt.

Woran ist das Velohelmobligatorium gescheitert? Die Velolobby befürchtet, dass mit einem Velohelmobligatorium weniger Velo gefahren wird. Dieses Risiko könnte bei Erwachsenen tatsächlich bestehen, bei Kindern sehe ich das jedoch weniger. Andererseits haben wir bei Kindern schon eine Tragequote von 70 Prozent. Kampagnen sind aber nur die Spitze des BFU-Eisberges. Mindestens ebenso viele Ressourcen verwenden wir, um die Infrastruktur zu verbessern wie Strassen, Schulhäuser, Altersheime, Kinderspielplätze und so weiter. Wir sind in den Normengremien dabei und betreiben viel Forschung. All diese Aktivitäten zielen nicht auf das Verhalten der Bevölkerung. Diese nichteinschränkenden Elemente sind noch wirksamer. Hier erzielen wir eine grosse Wirkung. Das ist der Hauptnutzen der BFU.

Kommt als Nächstes der Helm für daheim oder den Spielplatz? Nein, auf keinen Fall ein Helm auf dem Spielplatz! Mit dem Helm wird der Kopf grösser. Die Gefahr, dass ein Kind irgendwo hängen bleibt und sich stranguliert, ist gross. Wir wollen vor allem schlimme Unfälle verhindern, tödliche und solche mit lebenslangen Behinderungen. Überspitzt formuliert: Wenn ein Kind nur einen Arm bricht, ist das nicht so dramatisch.

Wie viel BFU-Empfehlungen gibt es? Viele. Das liegt daran, dass wir danach gefragt werden. Meine lustigste Anfrage war von einem Automobilisten, der wissen wollte, wie er seinen Pudel im Cabrio angurten sollte. Wir haben recherchiert und festgestellt, dass es Hundesitze gibt, die man mit dem Gurtsystem verbinden kann. Diese Information haben wir auf unsere Webseite gestellt.

Und die Leute werden denken, jetzt will die BFU auch noch, dass wir unseren Hund angurten. Wir sind eine Beratungsstelle; wir geben bloss Verhaltenstipps und erlassen keine Verbote. Wenn die Leute uns anfragen, möchten wir ihnen gerne kompetente Antworten geben. Es gibt «Sensation Seekers», also Leute, die bewusst das Risiko suchen. Das sind aber bloss etwa fünf Prozent. Der Grossteil der Leute will einfach sicher sein.

In einer Ihrer Broschüren stellen Sie einen Airbag vor, der in Lawinen zum Einsatz kommen kann. Verleiten Sie die Leute so nicht dazu, eine Gefahr einzugehen? Wir haben 20 bis 25 Lawinentote bei rund 180 tödlichen Sportunfällen pro Jahr. Das ist zu viel. Aber auch hier ist es nicht die Aufgabe der BFU, Verbote auszusprechen. Wir empfehlen, gewisse Sicherheitsmassnahmen einzuhalten, sich vorgängig gut über die Route und die Lawinensituation zu informieren oder sich einem erfahrenen Guide anzuschliessen. Im Falle eines Unfalls können Lawinensuchgeräte, Airbags und Helme aber hilfreich sein. Von der Airbagtechnologie verspreche ich mir übrigens in den nächsten zwanzig Jahren sehr viel, nicht nur bei Lawinen oder in Autos, sondern auch in Altersheimen.

Airbags in Altersheimen? Ja, es gibt bereits intelligente Bodenbeläge, die Stürze abfedern. Hüftprotektoren sind eine Art gepolsterte Unterhose, um Oberschenkelhalsbrüche bei Stürzen zu vermindern. Das Problem ist, dass diese umständlich und unbequem sind. Hier liegt ein grosses Potenzial der Airbagtechnologie. Beim Motorradfahren oder Reiten können Airbags ebenfalls eingesetzt werden. Ausserdem wird derzeit an verschiedenen Airbags herumgetüftelt: an Fussgänger-Airbags in Autos, an Airbags, die als Ertrinkungsschutz dienen können oder an solchen, die als Ersatz für den Velohelm zum Einsatz kommen könnten. Diese werden wie ein Kragen oder ein Schal getragen, der sich bei Bedarf aufbläht.

Es ist viel passiert zwischen der ersten Empfehlung vor 75 Jahren, dem Sensenschutz, und der Airbaghose. Welches war die beste BFU-Kampagne? Mit einprägsamen Botschaften sind wir sehr weit gekommen. Bei «Links gehen, Gefahr sehen» weiss man schon gar nicht mehr, dass die BFU dahintersteckte. «Kluge Köpfe schützen sich» stammt ebenfalls von der BFU und ist immer noch aktuell. Die Skibindungsvignetten und Sicherheitsbindungen sind wesentlich von den Inputs der BFU ausgegangen und zwar international.

Wenn man sich die Kampagnen und Fotos der vergangenen 75 Jahre anschaut, scheint das Thema Ski einen grossen Stellenwert zu haben. Der Schneesport ist eines unserer Haupttätigkeitsfelder. Wir haben rund 67'000 Verletzungen von Schweizern und etwa 30'000 von ausländischen Gästen, also jährlich etwa 100'000 Schneesportverletzungen. Bei 100 Schneesporttagen sind dies durchschnittlich 1000 Unfälle pro Tag.

Was sind die häufigsten Unfälle? Stürze und zwar mit riesigem Abstand. Wir zählen jährlich eine Million Unfälle, die mindestens einen Arztbesuch zur Folge haben. Davon sind 300'000 Stürze.

Gibt es gesamtschweizerische Unterschiede? Wir haben vor allem Informationen aus dem Strassenverkehr. In der Deutschschweiz gibt es pro gefahrenem Kilometer die wenigsten Unfälle und die Unfallhäufigkeit ist in den vergangenen Jahren auch am stärksten zurückgegangen. Die meisten Unfälle gibt es proportional im Tessin.

Warum? Deutschschweizer tragen mit Abstand am häufigsten den Sicherheitsgurt, halten Geschwindigkeitsbeschränkungen besser ein und fahren am wenigsten alkoholisiert. In der Romandie sind die Themen Alkohol und Geschwindigkeit ein Problem, im Tessin vor allem der Gurt und der Alkohol. Auch bei der Helmtragequote auf den Skipisten liegen die Deutschschweizer deutlich vorne. Sehr wahrscheinlich sind gewisse kulturelle Unterschiede der Grund dafür.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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