«In der Literatur ist der Zug noch nicht abgefahren»

Schweizer Autoren fordern in einer Resolution die Durchsetzung des Urheberrechts und ein neues Vergütungssystem. Raphael Urweider, Präsident des Autoren-Verbandes, gibt Auskunft.

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Daniel Kehlmann, Charlotte Roche, Martin Walser und über 1500 weitere Autorinnen und Kulturschaffende haben vor einem Monat den Aufruf «Wir sind die Urheber!» unterschrieben, der zuerst in der Wochenzeitung «Die Zeit» veröffentlicht wurde. Darin fordern sie die konsequente Durchsetzung des Urheberrechts und den Schutz von geistigem Eigentum sowie die entsprechende Vergütung. In der Folge kam Kritik von verschiedenen Seiten – auch aus den eigenen Reihen. Die Schriftstellerin Juli Zeh und ihr Kollege Ilija Trojanow zum Beispiel fragten in der FAZ: «Wissen die Unterzeichner des Urheber-Aufrufs wirklich, was sie da unterschrieben haben?» Ihre Kritik gipfelte in der Aussage, «dass die Unterzeichner des Aufrufs einen fremden Karren ziehen», nämlich jenen der Verwerter, von denen sie tendenziell ausgebeutet würden. In Deutschland wird die Debatte also kontrovers geführt – und in der Schweiz?

«Etwas, das alle unterschreiben können»

Bei seiner letzten Generalversammlung am 17. Mai forderte der Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS) von seinen 1000 Mitgliedern, den Aufruf «Wir sind die Urheber!» zu unterzeichnen. Was war die Idee dahinter? AdS-Präsident Raphael Urweider erklärt: «Wir glauben, dass diese Problematik international angegangen werden muss. Im digitalen Raum sind die Grenzen nicht so wie sonst.» Wichtiger ist aber die eigene «Resolution zum Urheberrecht im digitalen Zeitalter», welche verabschiedet wurde. «Wir haben die Diskussion in Deutschland genau verfolgt und in unseren Entwurf einfliessen lassen, der dann im Plenum diskutiert wurde. Es war auch ein Urheberrechtsspezialist der Pro Litteris dabei, der uns beim Formulieren geholfen hat. Wir wollten etwas machen, das alle unterschreiben können.»

Bisher sind fast 200 Schweizer Literaturschaffende der Aufforderung gefolgt, darunter zum Beispiel Milena Moser, Catalin Dorian Florescu und Melinda Nadj Abonji. Gibt es keine Gegenstimmen, stehen alle geschlossen hinter den Forderungen? «Das ist schwierig zu sagen, aber ich hatte bisher keine negativen Reaktionen. Einige meinten, man müsse das Urheberrecht anpassen und verändern, aber wir sind eher der Meinung, dass das Urheberrecht in seiner bestehenden Form genug Schutz bieten würde – es wird einfach nicht konsequent umgesetzt.»

Ein faires und funktionierendes Vergütungssystem

Was zur Umsetzung gehört, ist «ein Vergütungssystem, das die Urheberinnen und Urheber literarischer Werke fair entschädigt», wie die Resolution fordert. Gibt es dazu konkrete Vorschläge? «Es gibt verschiedene Ideen. Das Vergütungssystem könnte durchaus eine Art Kulturflatrate sein, die wohl ähnlich wäre wie die bereits existierende Kopierabgabe. Aber das sollen dann Leute machen, die sich auskennen.» Wichtig sei es, die Provider und Internetfirmen wie Google in die Pflicht zu nehmen: «Die machen Milliarden mit dem Internet, übernehmen aber zu wenig Verantwortung. Sie können sich nicht rausreden mit dem Argument, es sei zu aufwendig, alles zu kontrollieren.»

Doch wer würde davon mehr profitieren – die Labels und Verlage oder die Künstler selber? Auf die Kritik angesprochen, sie würden sich zu stark an die Verwerter anlehnen, gibt Urweider die Probleme zu: «Klar, es gibt heilige und unheilige Allianzen. Wir haben sicher nicht zu 100 Prozent die gleichen Interessen wie die Verwertungsgesellschaften oder die Verlage, aber man muss dort, wo man kann, Koalitionen schmieden. Es war auch in Zeiten der CD schon so, dass die Labels mehr verdient haben als die Künstler; diese Verhältnisse werden sich nicht ändern, nur weil sich das Medium ändert.»

«Der Buchmarkt wird sich verändern»

Generell glaubt Urweider, dass die Situation in der Literatur noch nicht so schlimm ist wie in der Musik – dementsprechend sieht er noch Hoffnung: «Wir haben gemerkt, dass in der Literatur der Zug noch nicht abgefahren ist. Wir sind verwöhnt, das Buch als Objekt findet immer noch mehr Anklang als ein E-Book. Aber die Tendenz ist klar: Der Buchmarkt wird sich verändern.»

Texte werden auch in Zukunft nicht auf Bäumen wachsen, meint Urweider. Darum ist es ihm ein Anliegen, die Mentalität zu ändern: «Mir persönlich geht es vor allem darum, den Leuten bewusst zu machen, dass der ganze Content, den man im Internet findet – sei das Musik, Film oder Literatur –, von jemandem gemacht wurde. Doch weil alles so einfach zugänglich ist, haben die Leute das nicht mehr so im Bewusstsein.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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