«Ich wäre lieber Basler Professor als Gott»

Die Rheinstadt liebte den jungen, unkonventionellen Friedrich Nietzsche, weil er den Deutschen auf die Nerven ging.

Zwischen Leidenschaft und Vernunft: Basels Angebot erfüllte den Philosophen - hier auf einem Bild von 1882 - mit Stolz, aber auch mit Zweifel am neu eingeschlagenen Weg, Foto: Wikipedia

Zwischen Leidenschaft und Vernunft: Basels Angebot erfüllte den Philosophen - hier auf einem Bild von 1882 - mit Stolz, aber auch mit Zweifel am neu eingeschlagenen Weg, Foto: Wikipedia

Joël Hoffmann

1869 schaute die Welt nach Ägypten, wo der Suezkanal eröffnet wurde, und nach Südafrika, wo beim Oranjefluss ein immenser Diamantenrausch einsetzte. Fernab der globalen Aufmerksamkeit wurde im selben Jahr ein Rohdiamant an das Rheinknie angespült. Ein 24-jähriger Professor für altgriechische Philologie wurde von Leipzig nach Basel berufen. Friedrich Wilhelm Nietzsche schliff sich in Basel selber zum Diamanten, bis er an sich selbst zerbrach. Hier formte sich Nietzsche zum berauschenden, wilden Philosophen, der bis heute polarisiert.

Am 16. Januar 1869 schrieb Nietzsche an seinen Freund Erwin Rohde: «Ich habe die wahrscheinliche, ja sichere Aussicht, allernächster Zeit an die Universität Basel berufen zu werden.» Entzückt war Nietzsche ob dieser «märchenhaften Geschichte»: «Wir sind doch recht die Narren des Schicksals.» Und diese «grossartige Zufälligkeit» bescherte ihm den Titel «Profess. extraord.» und ein Gehalt von 3000 Franken, wenn nicht «noch ein kleiner Dämon alles wieder über den Haufen» wirft. Die Basler «freidenkenden und nobeln Behörden» legten ihm indes keine Steine in den Weg.

Umkämpft von Dionysos und Apollon

Pfarrerssohn Nietzsche kam am 15. Oktober 1844 im Dorf Röcken bei Leipzig zur Welt. Der vielseitig begabte Schüler schrieb bereits als Jugendlicher Autobiografien. Dies nicht etwa aus Grössenwahn, sondern als eine Art Selbstbeobachtung – erst schrieb er über sein Leben, später mit Leib und Leben und schliesslich um sein Leben.

Bis zum Tod war Nietzsche hin und her gerissen zwischen der Leidenschaft (Dionysos) und der Vernunft (Apollon). Der griechische Gott Apollon in ihm siegte damals, und der junge Nietzsche begann, klassische Philologie in Leipzig zu studieren, weil er glaubte, damit einst Geld verdienen zu können. Damals begann sein Dilemma zwischen Beruf und Berufung, das ihm letztlich so zusetzen würde, dass er seine Professur in Basel aufgab.

Aber selbst bei diesem vordergründig klaren Entscheid liess der talentierte Philologie-Student immer wieder die Distanz zur griechischen Philosophie und Mythologie vermissen – Dionysos ringt mit Apollon. Dennoch erarbeitete er sich in Leipzig unter seinem Mentor Friedrich Ritschl den Ruf, der das Interesse der Basler an ihm weckte.

Der beliebte Gymnasiallehrer

Im Dezember 1868 wurde in Basel ein Lehrstuhl frei. Mentor Ritschl empfahl Nietzsche dem Basler Politiker und Altphilologen Wilhelm Vischer-Bilfinger. Dieser weibelte in Basel für den 24-Jährigen, der im Januar 1869 die Professur angeboten bekam, obwohl er damals weder promoviert noch habilitiert war. Dieses ungewöhnliche Angebot erfüllte Nietzsche zwar mit Stolz, doch sein Dionysos liess ihn zweifeln, ob er nun tatsächlich diesen bürgerlichen Weg einschlagen soll. Mit ein Grund für seine Zusage an die Uni Basel war der Komponist Richard Wagner. Wagner wohnte bei Luzern, und Nietzsche war in Basel seinem Idol somit näher.

Am 19. April 1869 kam Nietzsche in Basel an. Er bezog erst eine provisorische Wohnung am Spalentorweg 2, dann am Schützengraben 45. Unterdessen verlieh ihm die Uni Leipzig einen Doktortitel aufgrund seiner bisherigen Leistungen. Nietzsches Sorge war ein möglicher Krieg, zu dem er als Preusse hätte eingezogen werden können. Um seine Anstellung in Basel jedoch nicht von der Politik abhängig zu machen, gab er 1869 seine preussische Staatsbürgerschaft auf und blieb zu Lebzeiten staatenlos. Obwohl es faktisch falsch war, bezeichnete sich Nietzsche immer wieder als Schweizer.

Die Universität Basel beim Rheinsprung war damals klein und der Professoren-Lohn vergleichsweise lausig, weil die Uni nach der Kantonstrennung der beiden Basel Geldsorgen hatte. So galt die Uni unter jungen Professoren als Sprungbrett. Wie damals üblich, musste Nietzsche auch als Lehrer am Pädagogium arbeiten, dem heutigen Gymnasium am Münsterplatz. «Jeden Morgen der Woche halte ich um 7 Uhr meine Vorlesung … Dienstag und Freitag habe ich am Pädagogium zweimal zu unterrichten, Mittwoch und Donnerstag einmal… Bei der Lektüre des Phaedo habe ich Gelegenheit, meine Schüler mit Philosophie zu infizieren», schrieb Nietzsche an seinen Mentor Ritschl. Bei seinen Schülern war Nietzsche beliebt: Er war nicht nur äusserst höflich, sondern animierte die Jugendlichen zu selbstständigem Denken, was heuer nicht selbstverständlich ist und damals wahrlich unüblich war.

«Also sprach Zarathustra»

Der junge Nietzsche selbst liess sich von Arthur Schopenhauer infizieren, dem Pessimisten unter den Philosophen, der nur im zeitlosen Gefühl der Musik eine vorübergehende Erlösung vom ungeheuerlichen Leid des Lebens sah. Nietzsche dachte zeitlebens über die Frage nach: Was tun, wenn die Musik aufhört? Wie halte ich das Ungeheuerliche, das Leben aus? Seine 1872 veröffentlichte erste Publikation «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» war der Versuch, den Geist der Musik in die Welt der Worte zu retten – Nietzsche wollte mit Gedanken und Wörtern musizieren und kam erst 1883 im Werk «Also sprach Zarathustra», im bündnerischen Sils Maria verfasst, zur Erkenntnis: «Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.»

Bereits im Tragödienbuch nannte er diese gegensätzlichen, Chaos stiftenden Charaktereigenschaften apollinisch-dionysisch – der Mensch ist zerrissen zwischen Form /Ordnung und Rausch /Schöpfungskraft. Künstler wie Wagner lobten Nietzsches Erstling, während seine Zunft die Nase rümpfte ob der Schrift, welche die Grenzen der philologischen Disziplin sprengte.

Nietzsche wurde in Basel radikal

Überrascht war Nietzsche von der heftigen Polemik, mit der seine Berufskollegen das Tragödienbuch zerpflückten. Es war Wagner, der Nietzsche seinerseits zu einer völlig unnötigen Polemik gegen einen anderen deutschen Akademiker anstachelte. Nietzsche schien Gefallen an der pointierten Auseinandersetzung zu finden und plante eine ganze Serie von «Unzeitgemässen Betrachtungen», wie etwa «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», worin er den verklärten und lähmenden Geschichtsfetisch einiger Bildungsbürger kritisierte. Geschichte hat in Nietzsches Denken keinen Sinn, Zweck oder Ziel.

Der junge Basler Professor ging den deutschen Akademikern mit den «Unzeitgemässen» gehörig auf die Nerven – und die Basler liebten ihn dafür. Als Nietzsches Tragödien-Buch zerrissen wurde, strömten die Basler in die Buchhandlungen und kauften sein Werk.

Wohnhäuser heute mitten in der Stadt

Nietzsches damalige Wohnhäuser liegen heute mitten in der Stadt; damals wohnte er am Stadtrand, ausserhalb der Stadtmauer mit freiem Blick auf Felder. Zwischen 1850 und 1900 wuchs Basel von 25'000 Einwohner auf 110'000 Einwohner an. Grund für die massive Bevölkerungszunahme war die Industrialisierung, der Wirtschaftsboom. Die Wohnverhältnisse für die Bevölkerung waren zum Teil prekär – heute würde man wohl von massiver Wohnungsnot und Dichtestress sprechen. Doch Nietzsche interessierte sich weder für diese Nöte noch für die Rolle des wachsenden Proletariats.

Der Professor genoss die Gesellschaft der Basler Elite, war oft am Münsterhügel oder in der St.-Alban-Vorstadt beim Daig zu Gast. Ihn verband eine Freundschaft mit dem Basler Historiker Jacob Burckhardt und mit dem Theologen Franz Overbeck. Nietzsches Denken wurde in Basel radikal; mehr und mehr tauchte er in die Philosophie ein und positionierte sein Denken als scharfen Gegensatz zur auf christlicher Ethik basierenden etablierten Philosophie. Philosophisch war sein Denken bereits beim Nihilismus angekommen.

Wieder setzten dem Philologen sein Dilemma zwischen Beruf und Berufung zu. Er litt unter der zeitlichen Belastung seines Berufs, weil deswegen seine Leidenschaft, die Philosophie, zur Neben­tätigkeit erniedrigt wurde. Oft war Nietzsche krankgeschrieben, hatte rasende Kopfschmerzen, häufiges Erbrechen, Probleme mit seinen Augen. Nietzsche zog sich mehr und mehr, gezeichnet von seinen gesundheitlichen Problemen, in seine abgedunkelte Wohnung am Spalentorweg 48 zurück.

Wahnsinnsbrief und Psychiatrie

1876 begann der Bruch mit Wagner. Nietzsche ekelte sich vor den Bayreuther Festspielen, die zu einer Inszenierung für die Reichen und Schönen verkommen waren – er war desillusioniert und niedergeschlagen. Im selben Jahr erlaubte ihm die Uni einen einjährigen Urlaub, um sich zu erholen. 1877 kam er zurück nach Basel, zog mit seiner Schwester Elisabeth an die Gellertstrasse. Mit seiner Radikalität und seinen Tabubrüchen verletzte Nietzsche immer wieder Elisabeths religiöse Gefühle.

Vom Gymnasialunterricht wurde er schliesslich 1878 dispensiert, obwohl er dort erfolgreicher war als bei seinen Vorlesungen, die kaum mehr als zehn Zuhörer fanden. Seine Schwester hielt es mit ihm bald nicht mehr aus, Nietzsche zog in eine Junggesellenwohnung an der Bachlettenstrasse. Seine regelmässigen Kopfschmerzen und Brechanfälle wurden heftiger. Nietzsche magerte ab.

Am 2. Mai 1879 bat Nietzsche die Uni schliesslich um seine Entlassung. Der heimatlose freie Denker begann ein Wanderleben, das zehn Jahre später in Turin mit einem geistigen Zusammenbruch endete. Am 6. Januar 1889schrieb Nietzsche an Burckhardt einen «Wahnsinnsbrief»: «… zuletzt wäre ich viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-­Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen.» Burckhardt zeigte den Brief Overbeck. Dieser brachte Nietzsche zurück nach Basel und in die Nerven­klinik Friedmatt, der heutigen Universitären Psychiatrischen Klinik.

Nietzsches Mutter liess den rettungslos Kranken in die Psychiatrie Jena überweisen – er sollte nie wieder nach Basel zurückkehren. Friedrich Wilhelm Nietzsche verstarb am 25. August 1900 55-jährig in Weimar und wurde an seinem Geburtsort Röcken in der Familiengrabstätte bestattet.

Andrea Bollinger und Franziska Trenkle: Nietzsche in Basel. Schwabe, Basel

Rüdiger Safranski: Friedrich Nietzsche. Biographie seines Denkens. Hanser, München

Basler Zeitung

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