Erstens kommt es anders

Studienabbrecher, Musiker am Nilufer, Schriftsteller, Gewinner des Salzburger Stiers: In Christoph Simons Universum ist der radikale Bruch Programm. In der ­Berner Cappella tritt er jetzt mit seinem dritten Kabarettstück auf.

<b>Dieser Mann hat Humor:</b> Christoph Simon trinkt in der Berner Länggasse Kaffee.<p class='credit'>(Bild: Beat Mathys)</p>

Dieser Mann hat Humor: Christoph Simon trinkt in der Berner Länggasse Kaffee.

(Bild: Beat Mathys)

Michael Feller@mikefelloni

«Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt», schrieb 1882 Wilhelm Busch. Der Satz beschreibt die Krux des Lebens im Allgemeinen trefflich – ganz speziell gilt das für jenes von Christoph Simon.

Ausgehend von einer hoffnungsvollen Schriftstellerkarriere hat er es geschafft, innert weniger Jahre über den Poetry-Slam beim Kabarett zu landen und die höchste Auszeichnung der Disziplin zu gewinnen, den Salzburger Stier. Bevor er im Mai die Trophäe in Empfang nimmt, stellt er sein neues Programm vor, «Der Richtige für fast alles».

Notting Hill in der Schweiz

Die Rahmenhandlung geht so: Ein Strassenmusiker lernt eine einsame Karrieretussi kennen und will ihr den perfekten Partner vermitteln – doch es kommt anders. Von einem «Notting Hill in der Schweiz» spricht Christoph Simon, eine Andeutung an die Liebesromanze mit Julia Roberts und Hugh Grant. «Neben dem Melancholischen bin ich auch hoffnungslos romantisch.»

Und sehr witzig. «Humor ist, wenn einer etwas sagt, aber das Gegenteil macht», sagt Christoph Simon beim Kaffee. In seinem Fall heisst das: Da spricht ein hochnebliges Gemüt mit trister Miene, aber in jedem Gedanken steckt der Witz des Feingeists.

Der Pessimismus von Bühnenerzähler Christoph Simon wurde schon mit jenem von Hazel Brugger verglichen, die rund halb so alte Senkrechtstarterin, die ein Jahr vor ihm den Stier gewann. Auf den ersten Blick trifft das zu, doch während Bruggers Humor aggressiv daherkommt, seziert Simon mit weit feinerer Klinge.

Simon fackelt nicht lange

Etwas sagen und etwas anderes tun: Die Fallhöhe von seinem Humor passt zu Christoph Simon. Wenn er von sich erzählt, dann immer mit böser Selbstironie. «Humor entsteht aus Charakter oder – wie bei mir – aus Charakterschwäche», sagt er. Da scheint ein Zauderer gegenüberzusitzen.

Aber: Christoph Simon, der nachdenkliche Melancholiker, ist einer, der radikale Entscheidungen trifft und dabei nicht lange fackelt. Als Teenager brach er das Gymnasium ab, um Musiker zu werden. Doch die Musikhochschule entpuppte sich als Missverständnis.

«Humor entsteht aus Charakter oder – wie bei mir – aus Charakterschwäche.»Christoph Simon

Simon kehrte ans Gymnasium zurück, um wenig später alles hinter sich zu lassen, Familie, Freundin, Umfeld. Er ging auf Reisen, verdingte sich als Musiker am Ufer des Nils und wurde Schriftsteller. Mit seinem Coming-of-Age-Roman «Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen» machte er sich einen Namen, bis 2011 folgten sechs weitere Bücher.

Daneben trat er immer mal wieder für einen Poetry-Slam auf die Bühne. Ausgerechnet in der Disziplin der verwegenen Jungspunde wurde der preisgekrönte Autor (45) zweimal Schweizer Meister, 2014 und 2015. Das gab ihm den nötigen Schub, abendfüllende Programme zu schreiben.

Darin ist er seither äusserst produktiv. Und doch sagt er: «Auf die Bühne zu stehen war nie mein Traum. Aber jetzt stört mich das Scheinwerferlicht auch nicht. Wenn man sich nach einem Abend einbildet, dass weniger als die Hälfte des Publikums das Geld zurückwill, ist das ziemlich schön.» Sein Traum war es, Filmmusik zu schreiben, «aber dieser Zug ist definitiv abgefahren. Hans Zimmer hat alle Melodien verbraucht».

Zu wenig Pannen in Afrika

Inspiration sucht er nach wie vor auf Reisen. «Menschen zu begegnen, die ich zu Hause meiden kann, das tut mir gut», sagt er. Eben war der Vater dreier Kinder zwei Monate in Afrika unterwegs. Mit der Familie fuhr er Tausende Kilometer weit, von Safari zu Safari, ein grosses Unterfangen mit Homeschooling der Kinder.

«Es war grossartig. Kaum waren wir zu Hause, suchten wir auf der Weltkarte nach unserem nächsten Reiseprojekt.» Nur: Seine vorgefertigte Liste für Reibereien, Missgeschicke und Pannen blieb leider leer. Daraus hätte sein nächstes Programm werden sollen. Aber eben: Es kommt oft anders, als man glaubt. In bester Busch-Manier.

Und das Schreiben? Neinnein, sagt er, der Schriftstellerei habe er nicht den Rücken gekehrt, und berichtet von seinem jüngsten Missgeschick. Am Vorabend des Gesprächs hat er ein 60-seitiges Romanfragment von der Festplatte seines Computers gelöscht, so richtig, mit «Papierkorb leeren».

Am Morgen danach ist er nicht glücklich aufgewacht. «Vielleicht kann es der Computerdoktor doch noch retten», sagt er.

«Der Richtige für fast alles»: 2. bis 4. März, 7. März, 10. bis 12. Mai, ­jeweils 20 Uhr, La Cappella, Bern. www.la-cappella.ch

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt