«Ein Gespräch dauerte offenbar neun Stunden»

Hunderte treffen sich mit Fremden – um über Politik zu reden. Was das bringt, erklärt ein Erfinder des Projekts.

Wie wars? Ein «Schweiz spricht»-Pärchen erzählt. (Video: Aleksandra Hiltmann/Mathias Möller)

Sind bei «Die Schweiz spricht» und «Deutschland spricht» nicht progressive, aufgeschlossene Menschen unter sich?
Nicht unbedingt. Die Bereitschaft, ins Gespräch zu kommen, ist die Grundvoraussetzung des ganzen Projekts – klar. Aber bei «Deutschland spricht» hatten wir sehr wohl viele konservativ gesinnte Menschen dabei.

Auch AfD-Wähler?
Wir fragen die Leser bewusst nicht, welche Partei sie wählen. Aber wir stellten etwa die Frage: «Können Muslime und Nichtmuslime in Deutschland gut zusammenleben?» Da antworteten immerhin rund 15 Prozent mit Nein. Und diese 15 Prozent diskutierten dann auch mit.

Woher stammt die Idee für «Deutschland spricht»?
Anfang 2017 setzten wir uns in der Redaktion von «Zeit online» zusammen. Der Wahlsieg Donald Trumps und der Brexit waren gegenwärtig, in Deutschland standen Wahlen an. Wir fragten uns, mit welchen Mitteln wir der zunehmenden Polarisierung von Gesellschaften begegnen könnten. Und dann war da diese Idee, dass wir Leserinnen und Leser mit unterschiedlichen Meinungen zusammenbringen könnten. Wir spielten ein wenig mit der Idee herum, und in diesem Hin-und-Her entstand dann allmählich «Deutschland spricht».

Wars ein Selbstläufer?
Wir hatten ein Budget von wenigen Tausend Euro. Damit mussten wir die ganze Technik bauen, quasi handgelötet (lacht). Das Projekt stand dann ein paar mal vor dem Aus. Nach der Premiere war das Feedback der Leser euphorisch, und das Interesse anderer Medien enorm. Zu dieser Zeit bot Google uns Unterstützung an für eine neue, bessere Software, die wir in Berlin entwickeln liessen. Diese «My Country Talks»-Software kommt nun auch in der Schweiz zum Einsatz.

Hat Google in irgendeiner Form Zugang zu den Daten von «Die Schweiz spricht»?
Nein, natürlich nicht.

Viele Journalisten wurden überrascht davon, wie stark Trump, der Brexit und auch die AfD an der Urne unterstützt wurden. Ist «My Country Talks» eine Reaktion auf ein Medienversagen?
Kaum. Wir haben einfach gemerkt, dass Medienhäuser exzellente Gastgeber sein können. Dass sie ein Ort sein können, wo konstruktiv über die Zukunft nachgedacht, und wo das politische Gespräch gepflegt werden kann.

Welche Fragen polarisierten Ihre Leser am stärksten?
Interessanterweise waren es nicht jene Fragen, die in der Öffentlichkeit besonders oft diskutiert werden. Ähnlich gleich gross waren das Ja- und das Nein-Lager vielmehr bei den Fragen «Sollten deutsche Innenstädte autofrei sein?» sowie «Soll eine Steuer auf Fleisch erhoben werden?»

Ein Pärchen aus Zürich. Video: Sarah Fluck

Wie wissen Sie, ob sich die Leute überhaupt treffen?
Bei der diesjährigen Ausgabe in Deutschland fanden 4000 Paare zusammen. Viele trafen sich in einem Café, manche verabredeten sich zum Spazieren. Wie viele sich tatsächlich getroffen haben, wissen wir nicht ganz genau, die zusammengebrachten Paare verabreden sich eigenständig. Die Rückmeldungen nach den Gesprächen legen aber nahe, dass die allermeisten der arrangierten Gespräche stattgefunden haben. Wir hatten kaum Rückmeldungen, dass jemand versetzt worden wäre.

Wie waren die Rückmeldungen ansonsten?
Sehr herzlich, sehr warm. Über 90 Prozent der Teilnehmer bejahten die Frage, ob ihnen das Gespräch etwas gebracht habe. Und dann gibt es Anekdoten. Etwa jene vom Gespräch in Berlin, das offenbar neun Stunden gedauert hat. Manche Teilnehmer sagten, sie hätten sich mit dem Gegenüber befreundet und würden sich nun weiterhin treffen.

Von Anekdoten abgesehen: Welche Wirkung haben die Gespräche allgemein?
Das untersuchen derzeit Forscher der Uni Bonn. Es gibt naheliegende Thesen: dass sich stereotype Vorstellungen zurückbilden. Dass man beginnt, Empathie für einander zu entwickeln. Dass die Tendenz zu immer extremeren Haltungen gebrochen wird. Bereits jetzt zeigt die Forschung, dass Menschen, die sich nur unter Gleichgesinnten aufhalten, andere Standpunkte immer vehementer ablehnen.

Ihr Projekt ist über Deutschland hinaus gewachsen. Wie gehts weiter?
Warum sollte es nicht bald ein «Alaska Talks» geben? Wir können uns auch neue Konstellationen vorstellen. Auf einer Konferenz in Berlin haben wir mit Experten einige neue Ideen angedacht. Könnten wir zum Beispiel auch Städter und Landbewohner zusammenbringen? Oder Arme und Reiche? Für uns steht jedenfalls fest, dass wir hier auf etwas gestossen sind, dass das Potenzial hat, noch grösser zu werden. Die Aussicht, jemanden zu treffen, der ganz anders denkt als man selbst, hat für viele offenbar einen grossen Reiz. Damit lässt sich noch einiges anstellen.

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