Die Weihnachtsperformance

Meinung

Junge Atheisten feiern Weihnachten immer hemmungsloser. Offiziell natürlich nur wegen der Kinder.

«Du weisst, dass Weihnachten ein Mythos ist»: Plakat der US-Atheisten-Vereinigung.

«Du weisst, dass Weihnachten ein Mythos ist»: Plakat der US-Atheisten-Vereinigung.

Philippe Zweifel@delabass

«Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht.» Der einst freche Spruch ist heutzutage selber zur Ware verkommen. Kaum ein Atheist, der ihn nicht schon einmal triumphierend bemüht hat. Doch nicht nur Weihnachten ist pervertiert, auch die Atheisten, zu denen ich mich zähle, sind nicht, was sie mal waren. Vor allem junge, urbane Gottlose feiern von Jahr zu Jahr hemmungsloser die Geburt Jesu. Nicht freiwillig, Gott bewahre. Man muss – wegen der Kinder.

Natürlich betont man, dass Weihnachten ursprünglich ein heidnischer Feiertag war, der von den Christen usurpiert wurde. Die Geschenke rechtfertigt man mit schnödem Materialismus, dem man sich als Vater eines Kinds nicht entziehen kann. Und wenn nach dem Tannenbaum (auch heidnisch!) irgendwann Krippe und Engel Einzug halten, entschuldigt man das mit der christlichen Kulturgeschichte, die ja auch ein Fundus aus wunderschönen, pädagogisch wertvollen Metaphern ist. Und schon finden wir uns im Weihnachtskonzert wieder – freilich nur, weil die Akustik in der Kirche super ist.

Weihnachten light

Eine wahre Performance! Wieso? Aus Angst vor einer Verchristlichung der Kinder? Vielleicht. Doch dann könnte man die ganze Übung auch abblasen. Die Wahrheit ist erschreckender: Das ganze festliche Brimborium macht heimlich Spass. Nicht nur «Der Kleine Lord», den man sich zum 30. Mal anschaut und trotz Sentimentalitäts-Overkill eine Träne im Auge verdrücken muss. Auch die Kirchenlieder, die Weihnachtsgeschichte, ja, sogar das dilettantisch geschnitzte Jesuskindli in der Krippe unter dem Weihnachtsbaum ist eigentlich okay.

Sollte es trotzdem zu viel christliches Brainwashing sein, kann man ja am Silvester immer noch mit einem heidnischen Zinngiessen Gegensteuer geben. Nötig ist das allerdings kaum. Als meine katholische Mutter in unserer Familie die Geschenke abschaffen wollte, war es notabene mein stockatheistischer Vater, der sich dagegen wehrte. Und auch auf den Weihnachtsliedern, die der Rest der Familie peinlich findet, beharrt er. Recht so, finde ich inzwischen, denn was wäre die Alternative? Weihnachten light, also Familienschlauch mit Sonntagsgeschirr wie an Ostern?

Zaungäste

Mal abgesehen davon, dass das die Kinder tatsächlich auf die Barrikaden treiben würde, gibt es vor der besinnlichen Zeit ja ohnehin kein Entrinnen. Klar, man könnte sich einschliessen. Aber wehe man macht einen Schritt vors Haus, holt einem Weihnachten gnadenlos ein. Und dann kommt man sich wie ein Clochard vor, der im verschneiten New York mit traurigen Augen in die Schaufensterauslagen schaut: Als pitoyabler Outsider. So gesehen, haben Atheisten an Weihnachten ähnliche Probleme wie Juden, die in einem christlichen Land wohnen. Sie sind Zaungäste, wobei die Grenze des Zauns selber gezogen werden kann. Bloss wo verläuft die: beim Christbaum oder schon bei «Love Actually»?

Nun sind Juden durch ihren Glauben automatisch gewisse Grenzen gesetzt. Ich Gottloser verfahre währenddessen so: Ich lasse Jesus für einmal Jesus sein und lese die Weihnachtsgeschichte ohne ironischen Ton und Sekundärliteratur vor. Zumindest habe ich mir das dieses Jahr vorgenommen. Weil mir das Rechtfertigungs-Konstrukt langsam zu anstrengend ist, denn Weihnachten ist für mich vor allem eines: ein paar Tage Ferien.

Fröhliches Fest!

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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