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«Die Kirche und die Kunst kennen ähnlich prekäre Bedingungen»

Die reformierte Kirche Zürich bat Künstler um Rat zur Verbesserung ihrer Gottesdienste. Der beteiligte Dramaturg Plinio Bachmann meint, auch die Kunst könne von der Kirche lernen.

Was verbindet Kunst und Kirche? Wir Kulturschaffenden, der Katholik Martin Heller und ich als ungetaufter Agnostiker, hatten anlässlich eines Referats bei der Kirche den Eindruck, dass wir Bewohner derselben Landschaft sind. Als Kulturschaffender ist man auch vom Christentum durchdrungen, wenn man überhaupt nichts mit der Kirche als Institution anfangen kann. Man kann keine Ausstellung machen, ohne sie irgendwie mit einer Monstranz in Verbindung zu bringen und keinen Gottesdienst besuchen, ohne an eine Theateraufführung zu denken.

Viele Kulturinstitutionen leiden unter Zuschauerschwund, genau wie die Kirchen. Sind Sie nicht der falsche Mann, um zu helfen? Gerade weil wir ähnlich prekäre Bedingungen kennen, lässt sich unser Know-how austauschen. Wenn ein Theater unter Zuschauerschwund leidet oder eine Zeitung Abonnenten verliert, dann ist es meiner Meinung nach die falsche Reaktion, zu diversifizieren und möglichst viele Bedürfnisse abdecken zu wollen. Das ist auch der Kern meines Rats an die Kirche: Am unverwechselbaren Profil zu arbeiten.

Sich auf die Unique Selling Proposition zu konzentrieren, dafür hätte man auch ein Marketingspezialisten engagieren können. Wörter wie Unique Selling Proposition würde ich nie in den Mund nehmen, das unterscheidet mich von einem Marketing-spezialisten. Ich spreche von einem starken inhaltlichen Profil und einem geschärften Auftritt.

Sollen sich die Pfarrer bei ihren Auftritten an Schauspielern orientieren? Nicht unbedingt. Aber an allen Kunstformen, die versuchen, Inhalte zu vermitteln. Wichtig ist das Selbstbewusstsein und nicht ein guter Schauspieler zu sein. Der Pfarrer muss sich seiner eigenen Mitteilung sicher sein, viel mehr braucht es nicht. Ein Pfarrer sagte einmal, «Das Wort allein genügt ja nicht mehr». Das halte ich für völlig falsch, zumal der Protestantismus das Wort absolut ins Zentrum stellt.

Also keine grossen Shows wie bei Freikirchen? Freikirchen wie der ICF spezialisieren sich auf eine bestimmte Zielgruppe – die richten sich voll auf junge Doppelverdiener zwischen 20 und 35 Jahren aus –, das kann und soll die Landeskirche nicht machen.

Sie gehen als nächstes mit Schauspielhausdirektor Matthias Hartmann ans Wiener Burgtheater. Können Sie etwas von ihrer Arbeit bei der Kirche mitnehmen? Was mich bei der Kirche beeindruckt hat, ist die Bereitschaft zur Selbstkritik und die Überzeugung, dass der Inhalt, den man vermitteln möchte, existenziell wichtig, im eigentlichen Sinne heilig ist. Das würde ich mir auch im Theater wünschen.

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