Zum Hauptinhalt springen

Die Geburt des Terrors aus dem Geist der Manipulation

Herkömmliche Terroristen spekulieren darauf, dass Medien Bilder ihrer Taten verbreiten. Der Attentäter von Oslo will seine Ideologie im Internet bewerben und markiert damit das Ende der friedlichen Netz-Utopie.

Es gehört zum Bittersten und Erschreckendsten, was über den Täter Anders Behring Breivik zu lesen war. In seinem kranken Internet-Kompendium namens «2083» schreibt er: «Dieses Kompendium zu schaffen, hat mich insgesamt 317'000 Euro gekostet (...). All das ist aber kaum spürbar im Vergleich zu den Opfern, die ich gebracht habe, um dieses Buch in Umlauf zu bringen, für die eigentliche Marketing-Aktion.» Das Massaker auf der Insel Utöya war also in der Absicht des Täters nur eine Marketing-Aktion für die Ideologie, die er in seinem Manifest abgefasst hatte.

Terror und Medien

Die Tat ist so unfassbar brutal, dass man sich an die Terrorakte von 9/11 erinnert fühlt. Die Bilder der brennenden Zwillingstürme brannten sich ins kollektive Gedächtnis ein, zeigten zugleich aber auch die Ambivalenz der westlichen Mediengesellschaft bezüglich Terrorismus auf: Das Spektakel war von Anfang an auf seine mediale Inszenierung hin geplant. Wie übrigens fast jeder Terrorakt der letzten zweihundert Jahre. Laut dem Philosophen und Kulturtheoretiker Boris Groys muss der Ursprung des europäischen Terrors im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Presse gesehen werden. Terroristen spekulierten bei ihren Taten von Anfang an auf die mediale Verwertung und passen ihre Strategien entsprechend an. Im Gegensatz zu einem kriegerischen Akt geht es nicht um die Besetzung realer, sondern symbolischer Territorien. Terroristen geht es bei ihren Gewaltakten nicht um ihre zufälligen Opfer. Vielmehr inszenieren sie ein Spektakel, um damit den medialen Raum zu besetzen. Diese Linie lässt sich vom frühen Terrorismus russischer Nihilisten und französischer Anarchisten bis zum islamistischen Terrorismus der Gegenwart ziehen. Wer eine Bombe zündet, weiss ganz genau, dass dieser Akt gefilmt und verbreitet wird. In unserer von Medien und Aufzeichnungsgeräten durchdrungenen Welt, läuft die Bildproduktion automatisch.

Neue Massstäbe

In dieser Hinsicht setzt die Tat von Utöya neue Massstäbe. Dem Attentäter scheint wenig daran gelegen zu haben, dass möglichst viele Bilder seiner Tat verbreitet werden, sonst hätte er sich nicht eine abgelegene Insel ausgesucht, auf der die automatische Bildproduktion sicherlich viel weniger stark ist, als wenn er beispielsweise in einem Einkaufszentrum um sich geschossen hätte. Seine Tat ist viel perfider: Im Gegensatz zu den Anschlägen des 11.9. wollte der Täter nicht einfach ein starkes Bild erzeugen, welches die Medien verbreiten würden. Wohl wollte er die Gesellschaft treffen, aber nicht nur mit Angst und Schrecken, den die Bilder von Anschlägen auslösen. Er wusste, dass die Medien nach Bildern lechzen, aber nur wenige finden würden. Und so legte er als Ersatz die Materialien bereit, die er verbreiten wollte: Die Inszenierung seiner Person einerseits, vor allem aber die mediale Verbreitung seiner Ideologie. Der Attentäter von Utöya hat nicht nur die Medien, sondern auch den Kommunikationsraum Internet als strategischen Raum begriffen, der sich durch Terror gezielt manipulieren lässt.

Verkehrte Utopie

Diesmal kam der Feind auch nicht aus einem fernen Land und musste erst mühsam identifiziert werden – der Täter kam mitten aus der Gesellschaft. Ein freundlicher Herr, blond und blauäugig, wie die Medien sich beeilten festzuhalten. Und er benutzte nicht wie herkömmliche Terroristen die klassischen Medien, um Macht auszuüben, sondern das Internet.

Dieses Mediennetzwerk wurde in den letzten 15 Jahren als Ort der Hoffnung gefeiert, als Ort einer neuen Utopie, wo Menschen weltweit sich vernetzen, Informationen austauschen, um Demokratie, Redefreiheit und Menschenrechte zu verbreiten. Zuletzt auch, um die staatliche Kontrolle autoritärer Staaten zu unterminieren und deren Macht zu untergraben. Breivik ist ein neuer Typus des terroristischen Subjekts, das hinter und unter der medialen Oberfläche operiert, in den Mediennetzen, die sich der staatlichen und sonstigen Kontrolle entziehen – und dadurch ihren eigenen souveränen Bereich jenseits dieser Kontrolle etablieren.

Nach 9/11 hiess es, die Welt habe sich fundamental verändert, werde nie mehr dieselbe sein. Tatsächlich aber musste man angesichts des Weltgeschehens feststellen, dass sich bis auf das Gefühl der Verunsicherung relativ wenig veränderte; Weltwirtschaft und globale Politik operierten im Grossen und Ganzen weiter wie bisher und auch unser Alltag blieb so, wie man es kannte. Was sich hingegen veränderte, war unsere Erwartungshaltung bezüglich der Medien, die die globale Welt, in der wir leben, für uns konstruieren und repräsentieren. Heute ist jeder jederzeit darauf gefasst, von einem neuen terroristischen Anschlag zu lesen.

Der Raum des Verdachts

Analog dazu wird sich nun das Internet als neuer Ort der Verschwörung und des Terrors etablieren. Man wird es durchforsten, wie bereits geschehen, um herauszufinden, woher dieser Täter kam, in welche dunklen Netzwerke er involviert war, man wird nach Verschwörungen suchen, man wird nicht ablassen, bis der Täter und die Tat in einen Sinnzusammenhang gestellt sind, der sie für uns begreiflich macht. Und man wird jederzeit darauf gefasst sein, dass das Netz neue Terroristen hervorbringt.

Damit geschieht genau das, was der Täter wollte: Der utopische Raum des Internets wird zum Raum einer rechtskonservativen Verschwörung – und wenn es sie nicht schon gab, stehen die Chancen gut, dass sie durch eine solche «Werbeaktion» erst noch entstehen wird. Wir, die Medien, aber auch die Konsumenten waren für einen solchen Angriff nicht gewappnet, wissen nicht, wie wir damit umgehen, wie wir uns der Logik des Terrors entziehen können. Tatsächlich aber täte man gut daran, sich genau darüber Gedanken zu machen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch