Zum Hauptinhalt springen

Chile will das Rätsel um Pablo Nerudas Tod lösen

Kurz nach dem Putsch gegen Salvador Allende ist der Dichter Pablo Neruda 1973 gestorben – völlig unerwartet. Sein damaliger Fahrer glaubt an Mord. Nun haben Experten mit der Exhumierung der Leiche begonnen.

Starb er an Krebs oder wurde er vergiftet: Der chilenische Dichter Pablo Neruda in Capri im Jahr 1952.
Starb er an Krebs oder wurde er vergiftet: Der chilenische Dichter Pablo Neruda in Capri im Jahr 1952.
Keystone

Vierzig Jahre nach dem Militärputsch in Chile sollen die Todesumstände des berühmten Dichters Pablo Neruda erneut untersucht werden. Nun haben Experten mit der Exhumierung der Gebeine Nerudas an seinem früheren Wohnort Isla Negra begonnen. Sie dämpften allerdings die Hoffnung auf letzte Klärung, ob Neruda in den Wirren nach dem Putsch eines natürlichen Todes starb oder vergiftet wurde, wie sein früherer Fahrer Manuel Araya glaubt.

Neruda gilt als einer der wichtigsten Dichter des 20. Jahrhunderts. 1971 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Doch war er auch als linker Politiker und Diplomat aktiv und war ein enger Freund des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Allende hatte während des von General Augusto Pinochet geführten Militärputsches am 11. September 1973 Selbstmord begangen, um nicht in die Hände des Militärs zu geraten.

Durch Putsch dramatisiert

In den Tagen nach dem Coup wurde Nerudas Haus in Isla Negra von den neuen Machthabern durchsucht. Zudem habe ein chilenisches Kriegsschiff vor der Küste das Haus mit Kanonen ins Visier genommen, berichtet Araya, damals 26 Jahre alt und nicht nur Fahrer, sondern auch persönlicher Assistent Nerudas. «Sie werden uns in die Luft sprengen», habe Neruda damals zu ihm gesagt.

Neruda war damals 69 Jahre alt und litt unter Prostata-Krebs. Es heisst, der Umsturz und die Verfolgung und Tötung seiner Freunde habe ihn traumatisiert. Allendes Tod führte er auf «unbeschreibliche Taten» zurück, wie er auf der letzten Seite seiner Autobiografie schrieb. Neruda wollte ins Exil. Und dort wäre er sicher eine einflussreiche Stimme gegen die Diktatur gewesen.

Einen Tag vor seiner geplanten Abreise wurde er in die Santa-Maria-Klinik gebracht, wo sein Krebs behandelt werden sollte. Offiziell starb Neruda dort am 23. September 1973 eines natürlichen Todes im Zusammenhang mit dem Trauma des Umsturzes. Doch gab es immer Zweifel daran, auch nach der Rückkehr Chiles zur Demokratie 1990.

Gift in den Magen injiziert

Denn auch der frühere Präsident Eduardo Frei Montalva starb in derselben Klinik, wenn auch neun Jahre später. Offiziell soll er einem septischen Schock erlegen sein. Aber eine Untersuchung der Todesursache drei Jahrzehnte später brachte die Wahrheit ans Licht: Der Pinochet-Gegner war langsam vergiftet worden.

Araya glaubt, dass es bei Neruda ähnlich war. Helfer der Diktatur hätten in der Klinik Gift in den Magen des Dichters injiziert, schliesst er aus einem Anruf Nerudas am Nachmittag seines Todes. «Neruda ruft uns um 16 Uhr am Sonntag, den 23. an und sagt: 'Kommt schnell, denn ich habe geschlafen und ein Arzt hat mir eine Spritze in den Bauch gegeben, ich habe grosse Schmerzen und mir ist sehr heiss!'» So gibt Araya den Anruf wieder. Als der Fahrer ins Krankenhaus kam, fand er den Dichter schwach und fiebrig.

Nerudas geplante Flucht ins Exil hatte der damalige Botschafter Mexikos, Gonzalo Martinez Corbala, vorbereitet. Und auch er nährt die Zweifel an der offiziellen Version. Er habe Neruda am Tag vor seinem Tod im Krankenhaus gesehen. «Er wirkte normal, nichts wies darauf hin, dass er bald sterben würde», sagt der ehemalige Diplomat.

Nachweis schwierig

Die Pablo-Neruda-Stiftung, die den Nachlass des Dichters verwaltet, weist Arayas Theorie allerdings zurück. Und auch die Kommunistische Partei, der Neruda angehörte, hat sie sich lange nicht zu eigen gemacht. Erst im Mai 2011 sei die Partei auf ihn aufmerksam geworden, sagt Araya. Damals hatte er einem mexikanischen Magazin ein international beachtetes Interview gegeben. Nun steht die Partei hinter der Exhumierung.

Tatsächlich einen Nachweis für Arayas Thesen zu finden, wird allerdings äusserst schwierig. Nerudas Gebeine liegen seit Jahrzehnten in der sehr feuchten Erde an der Küste. Und die Rechtsmedizin in Chile verfügt nur über veraltete Technik. «Mit der Exhumierung und der Analyse der Überreste von Neruda sollte man keine grossen oder falschen Hoffnungen verbinden, dass sie die Ursache seines Todes preisgeben», sagt der Forensik-Experte Luis Ravanal.

SDA/wid

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch