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Chaos bei Margaret Atwood, böse Hunde bei Stephen King

Auf Instagram tummeln sich nicht nur Influencer, Foodies und Reisebloggerinnen, sondern auch weltberühmte Autoren und Intellektuelle.

Margaret Atwood gibt offen zu: Ich übe noch mit Instagram. Dafür gewährt sie ihren Followern einen Blick in ihr Wohnzimmer.
Margaret Atwood gibt offen zu: Ich übe noch mit Instagram. Dafür gewährt sie ihren Followern einen Blick in ihr Wohnzimmer.
Instagram
Atwood zeigt ihre eigene Unordnung, damit andere sich besser fühlen.
Atwood zeigt ihre eigene Unordnung, damit andere sich besser fühlen.
Auf seinen Besuchen in Flüchtlingslagern unterhält sich Hosseini mit Betroffenen, hier mit Geflüchteten aus dem Syrienkrieg.
Auf seinen Besuchen in Flüchtlingslagern unterhält sich Hosseini mit Betroffenen, hier mit Geflüchteten aus dem Syrienkrieg.
Instagram
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Fotos und Videos teilen, sich mit Freunden und Fremden vernetzen: Instagram ist ein soziales Netzwerk, ähnlich wie Facebook, einfach bildlastiger – und immer beliebter. Weit über die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen in der Schweiz nutzen Instagram. Gleichzeitig wurde die Plattform aber auch zum Tummelplatz von Narzissten und Selbstdarstellern – mit teilweise millionenfacher Gefolgschaft (Followers). Beliebte Themen für die Selbstvermarktung – Influencer nennt sich der Beruf dazu – sind Mode, Essen, Reisen, Yoga. Möglichst hübsch mit einem Filter bearbeitet, oft übertrieben fröhlich oder humorlos mit Schmollmund.

Doch auf derselben Plattform sind auch Autorinnen, Intellektuelle und Philosophen unterwegs. Wie das aussieht? Lassen Sie sich überraschen.

Anfänger bis Fortgeschrittene

Margaret Atwood ist seit letztem September auf Insta. Den Lernprozess mit dem neuen Medium teilt sie mit den Followern. Und dabei beweist sie grossartigen Humor: Die Plüschmaus ist zum Tastaturabstauben, der dünne Mann ist ein Preis. Unordnung zeigen, damit «du dich selbst weniger unordentlich fühlst», hier noch ein Blick in ihr Wohnzimmer, für dieses Instading. Dazwischen ein unscharfer Cupcake, Ferienfotos, Galafotos und Atwood in Kostümen. Zur Pappfigur ihrer selbst, mit der sie posiert, schreibt sie: «In St. Louis mit meinem bösen Zwilling.»

Um es gleich vorwegzunehmen – damit ist Atwood sämtlichen ihrer Autorenkolleginnen und -kollegen von Weltformat weit voraus. Vergeblich Unterhaltung suchen Sie bei John Irving, Irvine Welsh, Michel Houellebecq, Toni Morrison oder Zadie Smith. Deren Profile sind unterfüttert oder total leer.

Ein Ritt durch das aufgewühlte Wesen eines Schriftstellers bietet dafür Benjamin von Stuckrad-Barre. Storys, verschiedene Filter, Videos, Reposts, Selfies, Partyfotos und noch mehr Storys. Letztere bestehen nicht wie üblich aus an einer Hand abzählbaren Elementen, sondern aus – die Balken sind so klein, dass sie wie kleine Punkte aussehen – unzählbaren Elementen. Was man dort sieht? Schwer zu beschreiben. Alles.

Abseits des Schreibtischs

Wer Orte sehen will, wo er nie selbst hinkommen wird, sollte Jon Krakauer folgen. Der schreibt auf seinem Profil zwar, dass er nicht mehr schreibe. Doch bei den Bildlegenden gibt er sich trotzdem Mühe. Sie beschreiben Kletterexkursionen, Giftschlangen, Abenteuer auf hoher See, zerklüftete Schluchten, Gletscherspalten, Krakauer als Kind – natürlich mit Alpinistenausrüstung.

Ist es unfair, an dieser Stelle Paulo Coelhos Warmduscherfotos aus wehenden Kornfeldern zu erwähnen?

Dass Autoren auch andere Interessen als Bücher und Schreiben haben, beweist Khaled Hosseini. Von der Buchvernissage in den Sudan, Irak, Libanon, nach Jordanien und Uganda. Der afghanische Autor engagiert sich weltweit für Flüchtlinge, zu sehen in Videos und Bilder von Besuchen vor Ort.

Katzen, Hunde, Kleider

Sibylle Berg ist zwar erst seit Sommer 2018 auf Instagram, lässt es aber schon ordentlich krachen. Sie erheitert ihre Followers mit skurrilen Videos. Wackelnde Szenen, ungeschickte Sprünge im Sand, Käfer und Hashtags wie #richkids #madeit

Bei Charlotte Roche gibt es viel Charlotte Roche. Selfies ohne Ende. Nebenbei erfährt man, dass sie ihre Flugangst durch eine Therapie verloren hat, dass sie die Organspende befürwortet und dass sie Zahnarztbesuche mag. Eine ordentliche Dosis Privatleben. Überrascht nicht. Was überrascht: Alles ist doch relativ brav.

Sibylle Berg ist erst seit Kurzem auf Insta, legt sich aber voll ins Zeug. Sie postet gerne skurrile Videos. Hier ein Ausschnitt eines Videos, auf dem sie mit den Zehen wackelt, während einer Autofahrt.
Sibylle Berg ist erst seit Kurzem auf Insta, legt sich aber voll ins Zeug. Sie postet gerne skurrile Videos. Hier ein Ausschnitt eines Videos, auf dem sie mit den Zehen wackelt, während einer Autofahrt.
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Weiter postete sie zum Beispiel seltsame Sprünge im Sand.
Weiter postete sie zum Beispiel seltsame Sprünge im Sand.
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Chimamanda Ngozi Adichies Projekt auf Instagram dazu heisst «Wear Nigerian» und kommt bei ihren Fans gut an.
Chimamanda Ngozi Adichies Projekt auf Instagram dazu heisst «Wear Nigerian» und kommt bei ihren Fans gut an.
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Margarete Stokowskis Mix aus selbst und Umwelt ist etwas ausgewogener. Ab und zu ein Selfie, Bilder mit Freunden, Natur und ein absolutes Muss: Katzenfotos. Ihr Tier: ein rotes Tigerbüsi. Zieht immer.

Nora Gomringer hingegen mag eher Mode. Doch zur wahren Influencerin müsste noch etwas an den Posen gefeilt werden.

Wer sich modisch tatsächlich inspirieren lassen möchte, der folge der nigarianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie. Sie lancierte die Kampagne «Wear Nigerian», mit der sie lokale Marken und Designer unterstützt. Das Resultat: öffentliche Auftritte rund um den Erdball in fantastischen Kreationen.

Eher erschreckend sieht es bei Isabel Allendeaus. Ihr Gesichtsausdruck ist auf allen Fotos derselbe. Dafür mag sie Hunde.

Hunde mag auch Stephen King, insbesondere seinen eigenen. Er nennt ihn Molly aka «The Thing of Evil». Das Tier macht ungefähr die Hälfte seiner Posts aus und wünscht seinen Followern, 1 Million!, «Evil Christmas and a Nasty New Year».

Überraschungen

Peter Sloterdjik. Ja, es ist wahr. Auch er hat Instagram, seit März 2018. Und auf seinem Account sieht es aus, wie man das von einem anständigen Philosophen erwarten würde. Klassische Porträts des Denkers in Schwarzweiss, natürlich auch in Farbe. Doch sein Account ist alles andere als trocken. Das beweisen die durchaus selbstironisch wirkenden Illustrationen, die er ebenfalls gepostet hat. Weitere Fotos zeigen, wo er unterwegs ist und worüber er dort spricht: Bürgerpflichten, die Bedeutung von Bildern im 20. Jahrhundert, die Zukunft der Arbeit – Augsburg, Aix en Provence, Winterthur, ein Behind-the-Scenes-Blick eines TV-Drehs inklusive. Das absolute Bijou: eine Retrofotostrecke aus den 70er-Jahren, ein Kongress über Lebensformen in den 20er-Jahren.

Da hinkt Richard David Precht gewaltig hinterher. Ein Profil hat er zwar, doch es ist leer. Immerhin warten bereits 158 Follower auf den ersten Post. Zum Glück hat er viele Fans, die fleissig posten – Selfies mit dem Star, der Star auf der Bühne, seine Bücher neben Cappuccini, Hunden und langen Frauenbeinen.

Hang-out mit den Boys

Dass Instagram nicht nur als Einzelunternehmung, sondern auch als Gruppenspass funktioniert, zeigen der grau melierte Didier Eribon und seine zwei jungen, unschuldig betörend dreinblickenden Begleiter Édouard Louis und Goeffroy de Lagasnerie. Ein Trio zwischen Philosophie und Soziologie, zwischen Schreibtisch und Pride in Paris, dann #happytogether im Wald in New Hampshire. Ein magisches Dreieck, dessen eine Ecke Édouard Louis ganz besonders Insta-Potenzial beweist. Sogar sein Foto auf dem SNCF-Ausweis könnte man in einem Modemagazin abdrucken.

Viel Potenzial

Für die Schweiz geht Arno Camenisch an den Start in Sachen Instaprofi: Aufnahmen in Schwarzweiss, in der Wildnis, auf einem Camper – also bei Camenisch ein Jeep –, viel Schnee und Berge. Wirkt noch ein bisschen hemdsärmelig. Immerhin sieht man Camenisch vor dem Zug, in Kapstadt, in der Beiz, auf dem Balkon. Die Berufskollegen Peter Stamm, Lukas Bärfuss und Martin Suter gibt es nur als Hashtags. Der Elefant (pink) von Martin Suter erweist sich dabei als besonders instagrammable (ob Autoren in Zukunft gar daran denken werden, wenn sie Covers gestalten lassen?).

Die kleine Recherche hat gezeigt: Viele sind erst seit diesem oder letztem Jahr auf Instagram (ob man sie zusammen in einen Kurs geschickt hat?). Die Profile gehorchen nicht den üblichen Gesetzen von makellosen Körpern und durchdachten optischen Konzepten. Und genau das macht die Profile spannend.

Auch sieht man, dass einige trotz weniger Posts viele Follower haben, auch mal mehrere Tausend. Format der Person vor Form ihrer Darstellung, könnte die Regel für Schriftstellerinnen und Philosophen auf Instagram lauten.

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