«Alles, was wir erleben, tanzen wir»

Parodie, Tanz und Sex als Protestform – dazu zeigt das 3. Norient-Festival ab morgen Donnerstag eindrückliche Filme aus den Slums der Welt. Spielorte sind Reithalle, Progr und der Club Bonsoir.

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Tina Uhlmann

Wenn Bussy, Hind und Amira irgendwo in Kairo auf einer Hochzeit ihre Bäuche kreisen lassen, ähneln sie jener jungen schwarzen Frau in der Provinz Jamaicas, die ihre Kinder als wild zuckende Dancehall-Queen durchbringt. Sie alle sind arm, ihre Tänze sind explizit sexuell, das macht sie attraktiv und drängt sie zugleich an den äussersten Rand der Gesellschaft. Wie überleben sie dort?

Die Freiheit zu sprechen

Im Film «At Night They Dance» (Ägypten/Kanada 2010) zeigt sich Kairos Bauchtanzindustrie als hartes Geschäft, in dem die Matriarchin via Handy regiert. Ihre Töchter, schon im Schulalter Nachtarbeiterinnen in entfesselten Männerzirkeln, müssen hohe Risiken auf sich nehmen und ihr Geld zu Hause abgeben. Trotzdem wirken sie ungleich viel freier und lebenstüchtiger als ihre schwarz verhüllten Schwestern; sie provozieren die Männer und die Mächtigen mit direkten, messerscharfen Worten.

Auch die jamaikanische Dancehall-Musik schockiert oft mit «explicit lyrics». Der Film «Hit Me with Music» (Jamaika/ Spanien 2011) zoomt tief in die Ghettos der Insel hinein und lässt die Protagonisten der Szene zu Wort, zum Singen und Tanzen kommen. «Alles, was wir erleben, tanzen wir auch», erklärt ein junger Wirbelwind im Paillettenumhang. Und Yellowman, der entstellte Albinosänger, der als einer der Ersten «Slackness» (schmutzige Sprache) in die Dancehalls brachte, meint, nicht Leute wie er seien es, die obszön sprächen, sondern jene Politiker, die vom Frieden fabulierten und Jugendlichen Waffen in die Hand drückten.

Ungewohnte Ästhetik

Es sind keine verwackelten «Drittweltdokus», die am 3.Norient-Musikfilmfestival in Bern zu sehen sein werden. Kunstvoll gefilmt, oft einer hier ungewohnten Ästhetik verpflichtet, fordern sie beim Zuschauen nicht nur inhaltlich, sondern auch formal heraus und stellen Sehgewohnheiten buchstäblich auf den Kopf. So glänzen etwa «The Shukar Collective Project» (Rumänien 2010), ein Film über die Zusammenarbeit von DJs und Roma-Musikern, sowie das ghanaische Pidgin-Musical «Coz of Moni» (2010) mit modernen Collagetechniken, eigentlichem Bildsampling, das den abenteuerlichen Soundmixturen entspricht. Weitere Filme drehen sich um Hip-Hop in Marokko, Rap in Palästina, Rock’n’Roll in Nordirland – erheiternd, verblüffend, bedrückend.

Wie immer bietet das Norient-Festival auch live kleine Zückerchen. Am Freitag tritt der provokative südafrikanische Performancekünstler Gazelle im Club Bonsoir auf, am Samstag bestreiten dort DJ Edu (UK/Kenia) und der Berner Dancehall-Pionier Wildlife! eine afrikanische Clubnacht. Zum Abschluss am Sonntag rappen die Fokn Bois aus dem vorher zu sehenden Filmmusical in der Progr-Turnhalle – nicht zuletzt «coz of moni».

3. Norient-Musikfilmfestival:12.– 15.1., Reithalle Bern, Progr, Club Bonsoir. Programmübersicht auf: http://musikfilmfestival.norient.com

Berner Zeitung

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