Wörter, die lottern

Nicht nur die Debatte um Oprah Winfrey zeigt: Sprachliche Begriffe sollten so präzise sein wie Bauteile.

Res Strehle@resstrehle

Die Schweiz ist zu Recht stolz auf ihre Präzisionsarbeit. In der Feinmechanik wird auf den Hundertstelmillimeter genau gearbeitet, damit die Teile ineinanderpassen. Bei der Schreinerarbeit für einen Holzbau werden ein paar wenige Millimeter Abweichung toleriert, mehr nicht. Das Haus soll schliesslich gerade stehen.

Einzig in der Sprache meint man, auf Genauigkeit verzichten zu können. Man bezeichnet die in der Edelboutique von Trudie Götz gekränkte Talkmasterin Oprah Winfrey als verletzte «Narzisstin». Der Begriff ist laut Duden korrekt. Das macht ihn nicht besser, denn er geht auf Narziss zurück, Sohn eines griechischen Flussgottes, der sich in sein Spiegelbild im Wasser verliebte. Wer ihm nacheifert, ist folglich kein Narzisst, sondern ein Narziss, als Frau eine Narzissin. Ähnlich lottrig, und trotzdem in den Medien unverändert beliebt, sind Begriffe wie Spaghettis oder Israeli – beide knapp daneben, müsste die Mehrzahl in diesen Fällen doch genau umgekehrt lauten: Spaghetti und Israelis.

Geradezu zum gegenteiligen Verständnis führt sprachliche Ungenauigkeit, wenn ein Berner Musiker und Laientherapeut mit sadistischer Neigung in den Medien als «Heiler» bezeichnet wird, anfänglich ohne Anführungszeichen. Die Verurteilung für die vorsätzliche Ansteckung von 16 Opfern mit dem HI-Virus hat nun wenigstens dazu geführt, dass der Begriff seither angeführt wird.

Noch ohne Anführungszeichen als Financiers bezeichnet werden Finanzintermediäre, die Millionen von Anlagegeldern verspekuliert haben wie Dieter Behring. Da wird die Realität auf den Kopf gestellt, wie wenn bei einem Schrumpfungsprozess von Negativwachstum die Rede ist oder in einer Todesanzeige davon, dass ein geliebter Mensch «unverhofft» gestorben sei. Und wer einen Homosexuellen, der öffentlich zu seiner erotischen Neigung steht, als bekennenden Schwulen bezeichnet, verwechselt dabei das Coming-out mit einem Beichterlebnis.

Würde in der Mechanik oder im Holzbau so unpräzise gearbeitet, die Maschine funktionierte nicht, das Haus drohte einzustürzen. Bei unpräziser Sprache ist das nicht anders.

Tages-Anzeiger

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