«Wird Waterboarding kritisch hinterfragt, hat es im Spiel Platz»

Interview

Videospiel-Experte Marc Bodmer erklärt, was «Grand Theft Auto 5» für Jugendliche attraktiv macht - und ob das 18er-Rating gerechtfertigt ist.

  • loading indicator
Philippe Zweifel@delabass

Herr Bodmer, Sie sind Game-Fan und Vater. Darf ihr Sohn «GTA» spielen? Nein, er ist erst neun.

Ab wann darf er es spielen? Das hängt davon ab, welche Medienkompetenz er hat. Auch seine Persönlichkeit ist entscheidend. Denn während wir bei Film und Fernsehen alle dasselbe sehen, bestimmt man in einem Videogame das Geschehen mit, das heisst, die Erlebnisse der Spieler sind verschieden: Jeder fühlt und reagiert anders.

Das Spiel ist ab 18. Was halten Sie von diesem Rating? Das 18er-Rating finde ich persönlich schwierig. Die Assoziation, die damit geweckt wird, sind explizite Sexdarstellungen – analog den Filmbewertungen, wo Pornografie ab 18 und Gewalt ab 16 geduldet wird. Ich verstehe nicht, warum man Games anders handhaben soll, als beispielsweise Film. Zwischen 16 und 18 verändert sich das Verantwortungsbewusstsein nicht mehr massgeblich. Bei den Videospielen aber wurde in einer Art vorauseilendem Gehorsam das 18er-Rating für harte Gewaltdarstellungen eingeführt.

Elterliche Verbote bringen erst recht nichts – die Jungen spielen dann einfach bei Freunden zuhause. Was können besorgte Eltern überhaupt tun? Die Rating-Systeme sind für Leute, die nicht gamen, ein erster Anhaltspunkt. Besser wäre es, sich mit den Kindern hinsetzen und die Games zu spielen. Doch die meisten Eltern trauen sich nicht. Dabei hätten sie ausser Zeit nichts zu verlieren. Ohne ein Basis-Knowhow kann man aber nicht über die Spiele reden. Man muss ja nicht gleich zum Berufsjugendlichen werden.

Was gefällt den Jungen an «GTA»? Jeder Spieler zieht etwas anderes aus «GTA». Das Spiel bietet – nicht nur jungen Spielern – eine ungeheure Freiheit. Man kann Tauchen, sich den Bart rasieren lassen, Gleitschirm fliegen oder virtuell die Sau heraus lassen. Auch die Zerlegung des amerikanischen Traums, die GTA zugrunde liegt, ist attraktiv. Genauso wie die coolen Dialoge und die unzähligen Details in dieser riesigen Welt.

Ist «GTA» ein politisches Spiel? So politisch wie manche Hollywood-Filme. Ich würde eher gesellschaftskritisch als politisch sagen. Es geht zum Beispiel auch um Banker und die Folgen der Finanzkrise, den US-Schönheitswahn und die Junk-Food-Kultur. Ausserdem wird mit vielen Zitaten aus Film, Fernsehen und der Regenbogen-Presse jongliert. Bekannte Marken werden verballhornt. Facebook heisst im Game «Liveinvader», und am Fernsehen läuft eine Reality-TV-Sendung mit den Protagonisten des Spiels – ganz schön surreal.

Kriegen Jugendliche solche satirischen Referenzen mit? Ja, Jugendliche sollte man nicht unterschätzen. Sie wachsen in einer Medien reichen Welt auf und GTA gehört zu diesem Popkultur-Kanon und widerspiegelt ihn auf groteske Weise.

Was ist der Unterschied in der Gewaltdarstellung von «GTA» im Vergleich zu Ego-Shootern? Die Perspektive ist anders, man sieht seine Spielfigur im Bild herumgehen. Die Gewaltdarstellung ist deshalb etwas weniger eindringlich als in der subjektiven Perspektive.

Und trotzdem geriet «GTA» immer wieder wegen Gewaltexzesse in Verruf. «GTA» spielt im Gangster-Milieu. Schiessereien, Schlägereien, Mord und Totschlag gehören dazu, aber fallen im Vergleich zu Filmen trivial aus. «GTA» wird ja immer wieder mit Tarantino-Filmen verglichen. Zwar ist die Gewalt ähnlich absurd wie in «Pulp Ficton», aber hier wird niemand genüsslich gequält. Die Umwelt wirkt superreal, aber es ist ein künstlicher, hochstilisierter Realismus, der die Gewalt erträglich macht.

Im neusten Spiel kann man seine Gegner waterboarden. Ist «GTA 5» brutaler als seine Vorgänger – und entspricht das einem Trend in der Branche? Brutalität alleine bringt keine Verkäufe, das hat man in der Vergangenheit immer wieder gesehen, und «GTA 5» auf die Gewalt zu reduzieren, ist falsch. Generell gilt: Gewalt muss stimmig eingebettet sein, und – kaum zu glauben – Gamer sind oft kritischer als Film-Fans, nicht zuletzt weil sie 80 Franken für ein Game zahlen. Wird eine Thematik wie Waterboarding kritisch hinterfragt, so hat dies ebenso in einem Action-Spiel Platz wie in einem Spielfilm.

Die Einsicht, dass Computerspiele nicht aggressiv machen, ist inzwischen breit akzeptiert. Welche realen Gefahren gibt es in «GTA»? Videogames können einen unglaublichen Sog entwickeln, sie erfordern die totale Aufmerksamkeit. Sie erlauben kein Multitasking. Wenn nun jemand auf seiner Lehrstellensuche die 30. Absage erhalten hat, kann er sich in einem Spiel wie «GTA», das ja ein riesiges Alternativuniversum ist, verlieren. Gegen Eskapismus ist eigentlich nichts einzuwenden – aber die Problemstellung im richtigen Leben darf nicht ausgeblendet werden.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt