Wacht auf!

Analyse

Warum ist die SVP-Initiative auf so wenig Widerstand gestossen? Der deutsche Theaterregisseur Volker Lösch versteht die Wahl des Schweizer Volkes nicht.

«Weshalb argumentiert ihr so zaghaft?»: Volker Lösch.

«Weshalb argumentiert ihr so zaghaft?»: Volker Lösch.

(Bild: http://www.schauspiel-stuttgart.de)

Liebe neunundvierzig Komma sieben Prozent, nach dem desaströsen Abstimmungsergebnis, das die nationalistischen Parteien am rechten Rand in ganz Europa beflügelt hat, habe ich, ein deutscher Regisseur, der fünf Jahre in Zürich gelebt hat und derzeit am Theater Basel inszeniert, Fragen an euch.

Warum erhebt in diesem Land kein Prominenter aus euren Reihen seine Stimme gegen die rassistischen und fremdenfeindlichen SVP-Parolen? Wieso wird das Unwort «Masseneinwanderung» unwidersprochen als Diskussionsgrundlage akzeptiert?

Warum habt ihr der Bevölkerung nicht besser vermittelt, dass die Schweiz mit Dumping-Steuern anderen Staaten die Arbeitsplätze wegnimmt und so zu den Migrationsbewegungen in Europa beiträgt. Und dass es grotesk ist, deren Auswirkungen nun einseitig bekämpfen zu wollen. Wieso stellt ihr nicht den zerstörerischen europaweiten Steuerwettbewerb infrage?

Warum wart ihr in den letzten Wochen in der öffentlichen Diskussion so wenig präsent? Weshalb argumentiert ihr so zaghaft und halbherzig, statt den rechten Polemikern mit besseren Argumenten lustvoll Paroli zu bieten?

Warum habt ihr euren Landsleuten nicht unmissverständlich klargemacht, dass die Schweiz ein aktives Einwanderungsland ist, dass Mobilität und Migration heute zum Alltag in allen Ländern Europas gehören und dass es schlicht unmöglich ist, Einwanderung zu fördern und sie gleichzeitig abzulehnen?

Warum räumt ihr nicht mit diesem sinnfreien Gerede von Integration und Anpassung auf und haltet stattdessen fest, dass wir in Europa in einem gemeinsamen Kultur- und Denkraum leben, der das tolerante Einlassen aller auf alle fordert? Wieso habt ihr euch nicht entschieden gegen die populistische Propaganda gewandt, die das Zusammenleben wieder entlang ethnischer Linien organisieren will?

Warum habt ihr nicht angeprangert, dass ein Milliardär Millionen in die Ja-Kampagne gepumpt hat?

Weshalb erzählt ihr den Leuten nicht, dass es volle Züge, Busse und Strassen in jeder europäischen Stadt gibt – und dass das nichts mit der Einwanderung zu tun hat? Weshalb erzählt ihr nicht die Wahrheit über uns Deutsche, dass nämlich die meisten von uns eingeladen wurden, in die Schweiz zu kommen, sie also niemandem etwas wegnehmen, und dass die deutsche Einwanderung seit 2008 kontinuierlich zurückgeht?

Warum fallt ihr immer wieder auf die Ästhetik der Gegenseite herein und druckt lustlose Broschüren und fantasiefreie Plakate mit denselben Motiven? Warum besteht ihr nicht auf euren legitimen Positionen zum Thema Einwanderung, anstatt kleinlaut Forderungen der Rechten in eure Argumentationen aufzunehmen?

Weshalb weist ihr nicht auf den Zusammenhang von Neoliberalismus und Abstiegsängsten hin – und wie diese zu Fremdenfeindlichkeit führen können? Warum überlasst ihr diesen Diskurs kampflos den anderen?

Warum argumentiert ihr nicht mehrheitlich humanistisch? Warum sind die Menschenrechte in euren Diskussionen kaum ein Thema? Weshalb sind die negativen EU-Reaktionen und die wirtschaftlichen Konsequenzen die wichtigsten Gründe für euer Nein gewesen?

Liebe neunundvierzig Komma sieben Prozent: Ihr hättet es locker schaffen können. Mit ein wenig mehr persönlichem Engagement, Mut und politischem Gestaltungswillen hättet ihr die Ängstlichen und Rückwärtsgewandten nicht nur besiegen, sondern viele von ihnen auch überzeugen können.Wir Deutsche und Schweizer sind vergleichsweise reich. Wir sprechen dieselbe Sprache, sind uns mentalitätsmässig verwandt, und wir haben ähnliche politische Probleme zu lösen.

Wir neunundvierzig Komma sieben Prozent – ich glaube nicht, dass in Deutschland eine ähnliche Abstimmung viel anders ausgegangen wäre – dürfen da nicht passiv bleiben und hoffen, dass sich die Gegenseite schon nicht durchsetzt. Aussitzen reicht nicht mehr, wir müssen handeln.Handlungsfähig sind wir aber nur, wenn wir eine Vorstellung von einer wünschbaren Zukunft haben. Also müssen wir die Dinge beim Namen nennen und für die Welt kämpfen, die wir für möglich halten. Das Feld nicht den anderen überlassen. Uns einmischen.

* Volker Lösch ist deutscher Theaterregisseur. Seine Inszenierung von «Biedermann und die Brandstifter» hat am 27. Februar in Basel Premiere.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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