«Satire ohne Provokation ist bedeutungslos»

Interview

Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard über die Grenzen der Satire und sein Leben unter Polizeischutz.

«Brauche kein Mitleid»: Kurt Westergaard über sein Leben nach der Mohammed-Karikatur.

«Brauche kein Mitleid»: Kurt Westergaard über sein Leben nach der Mohammed-Karikatur.

Philippe Zweifel@delabass

Herr Westergaard, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Nachrichten aus dem Mittleren Osten hören? Was wir hier sehen, ist der viel zitierte Clash der Kulturen. Wobei es um das höchste Gut der Demokratie geht: die Meinungsfreiheit.

Im Unterschied zu Ihren Karikaturen ist der Mohammed-Clip dilettantisch und primitiv. Haben Sie dennoch Sympathie für den Verfasser? Ich habe den Film nicht gesehen. Satire kann vulgär sein, keine Bedeutung haben. Davon gibt es sogar ziemlich viele Beispiele.

Sollte man solche Satire verbieten? Verbieten darf man sie auf keinen Fall. Zumal auch richtig gute Satire immer mit einer Provokation startet. Den Satiriker trifft keine Schuld an den Folgen seiner Arbeit, er reagiert ja bloss. Hier kommt mir Picasso in den Sinn, der bekanntlich die Stadt Guernica malte, die von deutschen Bombern zerstört worden war. Als Frankreich von den Nazis besetzt war, begegnete Picasso dort einem Luftwaffenoffizier, der ihn fragte: «Waren nicht Sie das, der Guernica gemacht hat?» Und Picasso sagte: «Nein, das waren Sie!»

Gibt es für Sie eine Grenze zwischen Satire und Beleidigung? Nein. Satire ohne Provokation ist bedeutungslos. Und was der eine als Provokation auffasst, ist für den anderen eine Beleidigung.

Dann darf Satire alles? Ja, in einem liberalen Staat muss das so sein. Es gibt bei uns zum Glück keine Werte-Polizei, die darüber entscheiden kann, was Blasphemie ist und was nicht.

Zu einem liberalen, säkularisierten Staat gehören allerdings auch Bürgertugenden wie Respekt und Toleranz. Sie spielen auf meine Mohammed-Karikatur an. Man kann das auch so sehen: Wir haben unseren muslimischen Mitbürgern erklärt, dass wir in Dänemark auf alles Satire verfassen: die Königin, die Politiker, die Kirche. Dass man auch auf sie Satire macht, ist doch eine Art Inklusion, nicht Exklusion.

Im Youtube-Zeitalter erreicht die Satire allerdings auch Menschen, die wenig Bildung genossen haben. Sollte man hier nicht besser erziehen als provozieren? Sicher, bloss wie? Und ist das unsere Aufgabe? Das Problem sind zudem nicht nur die muslimischen Radikalen in den arabischen Ländern. Aufgrund der starken Einflussnahme des Islams im Alltag sind Reibungen auch in der dänischen Gesellschaft programmiert. Zu Recht fragen sich viele Dänen: Wir haben ihnen Erziehung und Wohlstand gegeben – wieso respektieren sie unsere Werte nicht?

Sind Sie selbst Mitglied einer Kirche? Ich bin Atheist, aber finde, dass jeder glauben soll, was er für richtig hält. Religion ist offenbar ein unvermeidbares Bedürfnis vieler Menschen. Vielleicht kennen Sie die alte irische Anekdote, in der ein Mann an eine Strassensperre kommt und gefragt wird: «Sind Sie Katholik oder Protestant?» Und der Mann sagt: «Ich bin Atheist.» Fragt der Polizist: «Sind Sie katholischer Atheist oder protestantischer Atheist?»

Einer Ihrer Cartoons in Ihren Memoiren heisst «Selbstzensur» und zeigt die Freiheitsstatue, die die Verfassung verbrennt. Fühlen Sie sich vom Staat zensiert? Nun, viele Karikaturisten haben nach den Mohammed-Karikaturen ihren Job verloren. Und was die Politiker angeht – die betreiben Realpolitik, die sich bekanntlich von politischen Ideologien unterscheidet. Man muss schliesslich die Exporte im Auge behalten.

Leben Sie immer noch unter Polizeischutz? Ja, rund um die Uhr. Ich wollte keine neue Identität annehmen. Der dänische Sicherheitsdienst bewacht mich, mein Haus ist von Kameras umgeben, ich habe einen Safe Room. Die Nachbarn freuen sich darüber – es getraut sich kein Verbrecher in die Nähe. Und die Polizisten sind nette Leute. Sie witzeln immer: «Wenigstens sind Sie kein Nudist oder Winterschwimmer.»

Welche Gefühle hegen Sie gegenüber Ihren Peinigern? Ich bin sehr wütend, was ein gutes Gefühl ist, wenn man bedroht ist – ich entging so manchem Trauma. Zum Beispiel als jemand vor zwei Jahren mit einer Axt in mein Haus einbrach. Ich brauche kein Mitleid. Ich habe ein gutes Leben.

Haben Sie auch das Gespräch gesucht? Ich kontaktierte immer wieder muslimische Institutionen und Autoritäten. Einmal hatte ich einen Radioauftritt mit einer jungen muslimischen Politikerin der Unions-Partei. Zusammen zeigten wir, dass Menschen mit verschiedenen Werten und Ansichten friedlich miteinander reden können. Doch nach der Sendung brach sie den Kontakt zu mir überraschend ab – ich vermute, sie wurde ebenfalls bedroht. Die Islamisten sind nicht an Kommunikation interessiert. Nehmen Sie meine umstrittene Zeichnung mit der Turban-Bombe. Da war keine Bildlegende. Die Interpretation hätte auch lauten können: Es sind die Islamisten, die den Propheten missbrauchen. Aber diese Interpretation lassen die religiösen Führer nicht zu. Lieber füllen sie die Bildlegende mit Hass.

Gab es Zeiten, in denen Sie die Mohammed-Karikatur bereuten? Nein.

Würden Sie sie wieder veröffentlichen? Ja. Obwohl es wohl keine Gelegenheit mehr dazu gibt. Ich bin ja bereits 77 und pensioniert. Ich male aber noch und verkaufe die Bilder. Meine Frau sagt immer: «Jetzt, wo wir die Propheten hinter uns haben, könnten wir vielleicht mit dem Profit anfangen.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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