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Rache und Gerechtigkeit

MeinungDie Tötung von Osama Bin Laden war ein überfälliger Vergeltungsschlag. Denn wie die Dankbarkeit gehört die Rache zum moralischen Gedächtnis der Gesellschaft.

Rache befreit: Jubelnde US-Amerikaner nach dem Tod von Bin Laden.

Rache befreit: Jubelnde US-Amerikaner nach dem Tod von Bin Laden. Bild: Keystone

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Unerbittlich sind die Götter der Rache. Sie kennen kein Vergessen, kein Verzeihen, keine Versöhnung und keine Verjährung. Die Zeit mag verstreichen, doch verlieren sie ihr Ziel nie aus dem Auge. Sie haben ein langes Gedächtnis. Geduldig warten sie bis zum Augenblick der Erfüllung. Die Erinnerung an die Untat vergeht nicht. Und plötzlich sind die Furien da und tun, wie es ihnen bestimmt ist.

Der tödliche Überfall auf Osama Bin Laden, den Gründer und Vordenker der Kriegersekte al-Qaida, war keine Strafexpedition der Blutgötter, sondern eine Episode im globalen Terrorkrieg. Es war ein überfälliger Vergeltungsangriff auf einen Todfeind, der allen Ungläubigen den Krieg erklärt hatte und auf dessen Weisung Zehntausende Menschen verwundet und getötet wurden. Dennoch hört man in Europa erneut die altbekannten Anklagen und selbstgerechten Fehlurteile. Man verwechselt Krieg und Strafe, Polizei und Militär, Recht und Macht, Politik und Justiz und schmäht die USA niederer Instinkte, ohne den geringsten Begriff vom Prinzip der Vergeltung zu haben.

Auge um Auge, Leben um Leben

Um sich selbst als zivilisiert zu fühlen, erklärt man die Rache häufig zu einem atavistischen Impuls aus der Vorzeit des Faustrechts, zu einer Art «Rückfall in die Barbarei». In Wahrheit ist Vergeltung ein universales Rechtsprinzip im Frieden wie im Krieg. Ihr Sinn ist nicht Besserung, Verhütung oder Abschreckung, sondern Gerechtigkeit. Gleiches ist mit Gleichem abzurechnen; Auge um Auge, Leben um Leben, fordert das alte Gesetz. Die Vergleichbarkeit sichert die Verhältnismässigkeit der Reaktion und beugt dem Verdacht der Willkür vor. Über die Kulturen und Generationen hinweg bestimmt die Idee der Fairness das Gefühl der Gerechtigkeit. Mit der Untat hat sich der Täter sein eigenes Recht erworben. Was er einem anderen zugefügt hat, das hat er sich selbst angetan. Der Feind, der das Schwert erhoben hat, wird durch das Schwert gefällt. Er erhält, was er sich verdient hat, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Es ist zweifelhaft, ob es für vielfache Massenmörder eine gerechte Vergeltung geben kann. Bei Verbrechen gegen die Menschheit versagt das Gleichheitsprinzip regelmässig. Der Leichnam des Täters kann geschändet, zerteilt oder, wie im Falle Mussolinis, kopfüber aufgehängt werden, aber die Person kann unmöglich tausendfach getötet werden. Die Untaten sind durch nichts auszugleichen. Das Böse, zu dem allein der Mensch imstande ist, überschreitet noch das strengste Mass, das unter Menschen gilt: das Prinzip der Vergeltung.Gleichwertige Heimzahlung ist keineswegs im buchstäblichen Sinne zu verstehen. Dem Täter muss nicht dasselbe widerfahren wie seinen Opfern. Ein Totschläger muss nicht totgeschlagen werden, damit der Gerechtigkeit Genüge getan ist. Der Kriegsfeind muss nicht mit den gleichen Waffen bekämpft und besiegt werden, die er selbst eingesetzt hat. Auch die Spiegelung des Übels ist nicht mit Gleichheit zu verwechseln.

Die Ästhetik öffentlicher Marter

Einem Lügner die Zunge herauszureissen, Ehebrecher gemeinsam lebendig zu begraben, einen Bombenleger in die Luft zu sprengen, dies sind drakonische Massnahmen, die nicht dem Prinzip der Äquivalenz, sondern der Analogie, der Abschreckung, Reinigung oder Schändung gehorchen. Öffentlich erkennbar sollen solche Strafen sein. Sie bleiben weit hinter dem sittlichen Niveau der Vergeltung zurück und überschreiten das Mass der Rache bei weitem. Eine Ästhetik öffentlicher Marter ist ihr Ziel. Sie ist an die Zuschauer adressiert, nicht an den Täter. Deshalb sind derartige Massnahmen illegitim. Eine gerechte Ahndung darf niemals ein blosses Mittel sein, um ein anderes Gut zu befördern. Gerechte Strafen werden nicht um eines Zweckes willen verhängt, sondern weil ein Verbrechen geschehen ist. Sie folgen nicht dem Gebot der Nützlichkeit, sondern der Gerechtigkeit. Nicht die Zukunft, die Vergangenheit fordert Gerechtigkeit.

Wie die Dankbarkeit gehört die Rache zum moralischen Gedächtnis der Gesellschaft. Freunden ist man dankbar für die Wohltaten, die sie uns erwiesen haben. Den Feind hasst man für den Tod, den er über die Menschen bringt. Im Guten wie im Bösen sind die Menschen nachtragend. Doch dauern Feindschaften oft länger als Freundschaften. Wohltaten werden rasch erwidert, um nichts schuldig zu bleiben. Dem Feind aber wird noch nach Jahren heimgezahlt, was er uns angetan hat. Diese moralische Beharrlichkeit sorgt für Dauer und Verlässlichkeit. Die Erinnerung an die Tat erlischt nicht. Die Rache hält die Vergangenheit gegenwärtig, sie gedenkt der Toten und bleibt ihnen treu. Sie will fortfahren, wo die Toten es nicht mehr können. Die Bürde des Leidens soll wieder der Freiheit des Handelns weichen. Rache ist süss, sagt der Volksmund. Sie verschafft Stolz, Genugtuung – und den freudigen Geschmack neuer Handlungsmacht. Der Rächer fühlt sich befreit von Niederlage und Demütigung. Das Gift der Ohnmacht ist er auf einmal los. Daher der Jubel nach vollbrachter Tat.

Rache ist ein geregeltes Rechtsverfahren in Gesellschaften ohne Zentralstaat und in Konflikten ohne neutrale dritte Instanz. Wo kein Gericht das Urteil fällt, haben Strafe und Fehde häufig die Form der Rache. Die Vergeltung obliegt den Opfern, den Verletzten, Geschändeten, den Überlebenden. Sie lassen sich die Revanche nicht aus der Hand nehmen. Und sie sind verpflichtet dazu. Rache obliegt nicht freier Willkür, sondern ist eine Frage der Ehre und Pflicht.Die Rachegötter ereilen nicht nur den Übeltäter, sie verfolgen und mahnen auch den Rächer. Solange die Schuld nicht getilgt ist, findet er keine Ruhe. Hamlet klagt über den Zwang, seinen Vater rächen zu müssen. Der Geschädigte ist genötigt, die Untat zu vergelten, ob er will oder nicht, sei es allein, sei es im Verein mit der Gruppe oder Nation, die für ihn einsteht. So ist die Rache keineswegs der Ausdruck eines subjektiven Willens, der nur zufällige Gerechtigkeit hervorzubringen vermag. Nicht das Gesetz des Staates, sondern das Gesetz der Sitte regelt Grund und Mass der Rache. Sie ist eine Probe auf den Zusammenhalt der Gruppe und ihren moralischen Mut. Rache ist auch ein Gebot der Solidarität.

Entmachtung der Rachegötter

Mit der Entstehung des Zentralstaates wurden die Rachegötter entmachtet. Pallas Athene befriedete die Erinnyen, diese rastlose Meute schwarzer Racheengel, und verwandelte sie in glückliche Geister der Gerechtigkeit. Leviathan schliesslich verstaatlichte das Recht, beanspruchte alle Gewalt für sich und verteufelte die Rache als Willkür der Wilden. Seine Propaganda ist bis heute populär. Sie glaubt, mit dem sterblichen Gott des Staates eine neue Stufe zivilisatorischer Erlösung erreicht zu haben. Statt der Opfer urteilen nun Richter und Könige. Der Verbrecher wird vor die Schranken des Gerichts geführt, verurteilt und bestraft. Mord ist nun kein Privatdelikt mehr, er wird von Staats wegen geahndet. Nicht die geschädigte Partei, sondern der Vertreter des Gesetzes stellt den Rechtsfrieden sicher. Genugtuung leistet der Rechtsstaat meist nicht. Er setzt das Recht wieder in Kraft und bleibt den Opfern die Gerechtigkeit schuldig.

In internationalen Angelegenheiten existiert keine Zentralmacht. Der Weltstaat ist ein Traumgebilde, und das Recht der Völker ist nichts als papierne Fiktion. Die Vereinten Nationen sind ein Spiegel internationaler Kräfteverhältnisse, keine souveräne Macht. Der Feldzug einiger Staaten gegen Banden, Netzwerke, Geheimzellen und selbst ernannte Gotteskrieger ist in keinem Gesetzbuch vorgesehen. Der Terrorkrieg findet überall statt: in Wohnquartieren und Bürotürmen, auf Bahnhöfen und Marktplätzen, in Diskotheken und Datennetzen, Berghöhlen und Fluchtburgen. Offene Feldschlachten gibt es nicht. Dass es in den Dunkelfeldern nach Vorschrift zugeht, ist noch weniger wahrscheinlich als im alten Krieg der Staaten oder Bürger. Aber gelegentlich kommt es zu Vergeltungsaktionen gegen den Feind, die der Gerechtigkeit Geltung verschaffen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2011, 06:17 Uhr

Der Soziologe und Publizist Wolfgang Sofsky lebt in der Nähe von Göttingen. Zuletzt ist von ihm «Das Buch der Laster» beim Beck-Verlag in München erschienen.

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