Politisch korrekt statt freier Rede?

Die Witze von Dieter Nuhr über den Islam müssen erlaubt sein. Eine Replik.

Der deutsche Comedian Dieter Nuhr bringt mich regelmässig zum Lachen. Fast ebenso regelmässig macht er seine Witze auf Kosten der katholischen Kirche. Das ist kein Problem. In den deutschsprachigen Ländern ist die Kirche mit allen barmherzig – solange sie brav die Kirchensteuer zahlen.

Nun zeigt sich: Das Problem bei Dieter Nuhr ist, dass er auch Witze über den Islam macht. Deswegen hat nun jemand ohne Witz eine Strafanzeige gegen ihn eingereicht (ansonsten ist Mohammed ja sehr humorvoll). Zu diesem Vorfall schrieb der «Tages-Anzeiger», Dieter Nuhr sei wohl nicht klar, was er mit seinen Aussagen bei «Islamhassern» bewirke. Satire sei «nur dann problemlos», wenn sie sich «gegen uns selbst» richte.

Wie bitte? Bei uns soll die Meinungsfreiheit nicht mehr gelten? Beziehungsweise nur noch unter Berücksichtigung des Minderheitenschutzes? Das wäre die Herrschaft der politischen Korrektheit über die freie Rede. Man denke zum Beispiel an Minderheiten wie die Neonazis oder die Abzocker! Und stelle sich vor, was ihnen alles zustossen könnte, wenn ich meinen Widerwillen gegen Demokratiehasser oder Casinokapitalisten unzensiert von mir gebe. Meine Aussagen könnten von gewaltbereiten Linken und Antiglobalisierern missbraucht werden. Und man denke an rechtgläubige Katholiken. Die sind gemäss jüngster Nationalfondsstudie jetzt auch eine Minderheit. Es wäre nicht mehr so einfach, in den Medien bedenkenlos über sie herzuziehen. Eine heikle Situation, gerade auch für den «Tages-Anzeiger». Und ich gebe zu: ein verlockender Gedanke.

Trotzdem halte ich fest an der vollen Meinungsfreiheit für alle, solange keine Grundrechte verletzt werden. Ich finde: Auch durch eine raffinierte Hintertür wie die Sorge um Minderheiten darf die Meinungsfreiheit nicht relativiert werden. Und Dieter Nuhr soll sich treu bleiben. Er kann auch Minderheiten dazu bringen, über sich selbst zu lachen – unabhängig von Ethnie, Religion und sexueller Ausrichtung.

* Giuseppe Gracia ist Medienbeauftragter von Bischof Vitus Huonder in Chur.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt