Nestbeschmutzer und Prophet

Der literarische Weltumsegler: Zum Tode des Literaturnobelpreisträgers V. S. Naipaul.

Arrogant und schwierig: V. S. Naipaul starb im Alter von 85 Jahren in London. (Archiv)

Arrogant und schwierig: V. S. Naipaul starb im Alter von 85 Jahren in London. (Archiv) Bild: Gerry Penny/Keystone

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Vidiadhar Surajprasad Naipaul war der lebende Beweis dafür, dass grosse Schriftsteller nicht immer bessere Menschen sind. Immerhin hat er das auch nie von sich behauptet. Naipaul galt als eitel, arrogant, schwierig, aber er erhob auch keine Einwände, als Patrick French ihn 2008 in einer wenig schmeichelhaften Biografie als Charakterschwein porträtierte.

Auch Naipauls erste Frau Pat, die ihn vierzig Jahre durchgefüttert und bemuttert hatte, seine Launen und Depressionen ertragen und sich immer wieder betrügen lassen musste, notierte in ihrem Tagebuch, es sei albern zu glauben, kompromisslose Schriftsteller versteckten unter dem «Mantel des Zauberers» ein anderes, besseres Ich.

Naipaul bestand darauf, dass Schriftsteller nur durch und für ihr Werk zu leben hätten; ihre gesellschaftliche Existenz, ihre Launen und Schwächen seien uninteressant. Mit seiner scharfen Trennung zwischen Literatur und Leben – Joan Didion sprach einmal von einer «beinahe unerträglichen Spannung» zwischen Naipauls romantischen Ideen und den Tatsachen – hat er sich viele Feinde gemacht. So gab es auch Kritik, als er 2001 für seine Verdienste als «literarischer Weltumsegler» mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Kritiker am aufkommenden Islamismus

Vor allem muslimische Intellektuelle und linke Antiimperialisten sahen in Naipaul einen Nestbeschmutzer. Schon 1981 hatte er in «Eine islamische Reise» den aufkommenden Islamismus scharf attackiert: Die iranischen Ayatollahs führten ein grosses Kulturland zurück in die Barbarei, und so räche sich überall auf der Welt die Weigerung, religiöse Mythen dem Prozess der Aufklärung zu unterwerfen. Der palästinensische Dichter Edward Said sprach von unhistorischen Klischees, der englische Autor Robert Harris von Intoleranz und Rassismus.

Naipaul gehörte wie Salman Rushdie, Derek Walcott oder Michel Ondaatje zu den multikulturellen «Bastarden», die von den Rändern des Empires her die Sprache der einstigen Kolonialherren ins Mutterland zurück trugen, verwandelt und erneuert durch Erfahrungen von Entwurzelung, Fremdheit und Widerstand.

Fast alle verbanden damit antieuropäische Ressentiments. Nicht so Naipaul: Er verteidigte die alte englische Kultur emphatisch und wollte sich nie ins Ghetto des «exotischen» Schriftstellers einsperren lassen.

Jeder ist für sein Schicksal verantwortlich

Während etwa sein Landsmann Walcott von London aus die karibische Heimat idealisierte, legte Naipaul erbarmungslos seinen Finger in die Wunden der «Dritten Welt». Für Unterentwicklung, Chaos, Korruption und Gewalt waren nicht nur Europa und Amerika verantwortlich, sondern auch eigene Versäumnisse und Fehler: Ignoranz, Lethargie, Gleichgültigkeit, religiöser Fanatismus.

Den Verweis auf strukturelles, systematisches Unrecht liess Naipaul nicht gelten: Jeder war für sein Schicksal verantwortlich, «die Welt ist, was sie ist». Er hatte sich schliesslich auch selber gemacht und es vom Nachfahren indischer Kulis zu einem der Könige der Weltliteratur gebracht.

1932 in Trinidad geboren, war V.S. Naipaul schon mit achtzehn Jahren ins gelobte Land England geflohen, um in Oxford zu studieren. Seine Herkunft empfand er als Fessel, sein Exil als Befreiung; schon zu Hause ein Fremdling, wurde England für ihn Heimat: «Ich bin gekommen, um der Zivilisation beizutreten», beschrieb er einmal das Rätsel seiner Ankunft. Mit komischen Erzählungen und Romanen wie «Der mystische Masseur» machte er bald auf sich aufmerksam; mit seinem Vater-Roman «Ein Haus für Mr. Biswas» schaffte er 1961 den Durchbruch.

Die «Niemandslandleute»

Naipauls wacher Blick richtete sich auf jene geschichts- und identitätslosen «Niemandslandsleute», die zwischen eingeborenen Mythen und Moderne, zwischen Tradition und Zivilisation zerrieben werden. In seinem vielleicht besten Roman, «An der Biegung des grossen Flusses» (1979), beschrieb er das Leiden der indischen Minderheit im Kongo. Seine Autobiografie «Rätsel der Ankunft» (1987) dagegen war nur eine selbstgefällige Verklärung des unter Schmerzen geborenen Dichters.

Stilistisch entfernte sich Naipaul dabei immer weiter von seinen Vorbildern Dickens und Conrad. Sein Spätwerk mit der Auflösung der Gattungsgrenzen und linear-chronologischen Erzählstrukturen ist inhaltlich konservativ, aber formal geradezu postmodern.

Von der Queen in den Adelsstand erhoben

Bleiben von seinen über dreissig Büchern werden vor allem die Reiseessays. Von Geburt an unbehaust, streifte Naipaul ein Leben lang ruhelos durch die Welt, um seine Erfahrungen mit kultureller Desintegration in präzisen, oft schneidend ironischen Beobachtungen und Bildern mitzuteilen. So entstanden bis heute lesenswerte Bücher über Länder wie Zaire, Uganda, Pakistan, Iran und immer wieder Indien, das Land seiner Väter.

Während sich Naipauls anfangs so düsterer Blick auf die ehemaligen Kolonien aufhellte, verdunkelte sich sein idealisiertes Bild des freien Westens zunehmend. Zuletzt war Naipaul, von der Queen 1989 in den Adelsstand erhoben, müde geworden.

Seine letzten Romane über das halb gelebte Leben eines Inders im London der Fünfziger, «Ein halbes Leben» und «Magische Saat», waren nur noch matte Reprisen. 2004, mit erst 72 Jahren, hörte Naipaul ganz mit dem Schreiben auf. Jetzt ist er im Alter von 85 Jahren in seinem Haus in London gestorben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2018, 09:06 Uhr

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