«Man will dazugehören, man wirbt um das Wohlwollen der Schweizer»

Die Mundart-Landschaft ist im Wandel, gestern eröffnete die Berner Nationalbibliothek eine grosse Ausstellung zum Thema. Guido Spielhofer, Sprach-Koordinator der Migros-Klubschule, über den Wert des Dialekts.

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Herr Spielhofer, wer besucht Ihre Schweizerdeutschkurse?
Voraussetzung für die Teilnahme sind solide Deutschkenntnisse, es nehmen vor allem fremdsprachige Migranten teil, die bereits über hiesige Sprachkompetenzen verfügen, und dann vor allem natürlich deutsche Muttersprachler, Deutsche und Österreicher.

Wie entwickelt sich die Nachfrage?
Unsere Mundartkurse, die wir ja bereits seit Jahrzehnten anbieten, verzeichneten während der Jahre 2006, 2007 und 2008 einen aussergewöhnlichen Boom, welcher auf die verstärkte Migration aus Deutschland zurückzuführen war. Dannzumal bauten wir unser Kursangebot aus, um den Bedürfnissen der deutschen Muttersprachler besser gerecht zu werden. Danach flaute die Nachfrage allerdings wieder ab, was wohl zum einen mit einem zurückgehenden Interesse, zum andern aber auch mit einer Diversifikation des Angebots zu tun hat. Vor fünf Jahren hatten wir faktisch noch das Monopol auf Schweizerdeutschkurse, heute bieten auch andere Institutionen Mundartkurse an.

Was motiviert die Teilnehmer, die Schweizer Mundart zu erlernen?
Es handelt sich gerade bei Deutschen und Österreichern um eine kulturelle Geste, einen Integrationserweis, und weniger um ein umfassendes Erlernen einer fremden Sprache. Man will dazugehören, man wirbt um das Wohlwollen der Schweizer. Denn sprachlich ist die Kommunikation ja eigentlich bereits vorher sehr gut möglich.

Im Alltag ist allerdings festzustellen, dass diese Geste von vielen Deutschschweizern nicht wirklich geschätzt wird, weil die erlernte Mundart häufig gekünstelt und aufgesetzt wirkt.
Ja, man stellt tatsächlich fest, dass dieses Bemühen leider nicht überall Anerkennung findet.

Woher kommt das?
Gut, ich habe ja den Eindruck, dass der Deutschschweizer sich etwas gar viel einbildet auf seinen Dialekt (lacht). Dabei ist das Schweizerdeutsch an sich keine kulturelle Leistung, wie das auch der Schriftsteller Ludwig Hohl mal scherzhaft bemerkt hat. Die Schweiz unterscheidet sich diesbezüglich klar von anderen deutschsprachigen Regionen, wo die Mundart eher als Sprache der Fussball-Hooligans betrachtet wird. Diese Hochschätzung des eigenen Dialekts führt dazu, dass das Erlernen der Mundart gelegentlich wie ein Übergriff wahrgenommen wird. Mir scheint es aber, dass sich diesbezüglich gerade ein kultureller Wandel vollzieht. Denn sobald man jemanden persönlich kennt, der als Deutscher oder Österreicher Schweizer Mundart zu sprechen versucht, wird das eher abstrakte Thema konkret – und man findet es plötzlich ganz «lässig», dass sich jemand ums Schweizerdeutsch bemüht.

Ein anderes Problem ist die Dialektvielfalt. Einer Ihrer Schüler büffelt mühsam Züritüütsch, fährt eine Stunde mit dem Zug und versteht schon wieder gar nichts mehr.
Das ist nicht so dramatisch. Unsere Schüler sind sich im Klaren, dass sie Züritüütsch lernen oder Bärntüütsch, je nach Standort der Klubschule. Da machen wir niemandem was vor. Die kulturelle Geste, von der ich gesprochen habe, funktioniert aber auch in einem Umfeld, in dem ein anderer Dialekt gesprochen wird. Wenn ein Zürcher in Bern Züritüütsch spricht, ist das nicht weiter auffällig; diesbezüglich gibts in der Schweiz – unter Schweizern – ja eine grosse Toleranz.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach der Stellenwert der Mundart in Zukunft entwickeln? Behält das Schweizerdeutsch seine dominierende Position, baut es sie sogar noch aus oder wird die Mundart nur noch eine von mehreren, gleichwertig akzeptierten mündlichen Ausdrucksformen sein?
Das ist schwierig zu sagen, aber ich glaube, dass das Schweizerdeutsch für anderssprachige Ausländer eher an Bedeutung verlieren wird. Für die Konstituierung der Schweizer Identität wird die Dialektsprache dagegen sehr wichtig bleiben; Auseinandersetzungen wie jene zwischen Pedro Lenz und Peter von Matt werden wohl weiterhin mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt werden.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.03.2012, 11:50 Uhr

Zur Person

Guido Spielhofer (*1956) ist Leiter der Sparte Sprachen an der Migros-Klubschule Zürich. Der Innerschweizer hat Philosophie studiert und arbeitete in der Erwachsenenausbildung.

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