Im Namen der Tasche

Warum gewisse Modelle zu Ikonen wurden – und welche aktuelle Tasche das Potenzial hat, mehr als bloss kurzzeitig Kultstatus zu erlangen.

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Eine der schönsten Geschichten aus der Welt der Mode beginnt über den Wolken, Anfang der 1980er-Jahre. Im Flugzeug von London nach Paris versucht die Aktrice und Sängerin Jane Birkin gerade, ihre Strohtasche in die Ablage über den Sitzen zu stopfen. Das misslingt gründlich, alle Habseligkeiten purzeln heraus. Birkin beklagt sich daraufhin bei ihrem Sitznachbarn, dass es so schwer sei, eine schöne, grosse und verschliessbare Ledertasche zu finden, die ihr gefalle.

Nun ist der Sitznachbar kein Geringerer als der Chef des Luxusmodehauses Hermès, Jean-Louis Dumas. Er beginnt noch während des Flugs, Entwürfe für eine entsprechende Tasche auf der Serviette zu skizzieren. Drei Jahre später präsentiert Hermès die «Birkin Bag»: eine schlichte, grosse Handtasche aus Leder mit Schulterhenkeln und dem typischen Schloss, aber ohne sichtbares Logo. Ein Klassiker war geboren. Und durch ihre berühmte Namensgeberin wurde die Tasche schnell zur Ikone. Heute allerdings trägt Jane Birkin die nach ihr benannte Tasche nicht mehr, wie sie kürzlich in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag» gestand. Sie sei ihr zu schwer geworden.

Es gibt eine Wartelistefür die Warteliste

Während die Namensgeberin die Tasche links liegen lässt, ist die Welt – mehr als dreissig Jahre nach der Lancierung – immer noch verrückt nach der «Birkin». Sie ist ein Phänomen: Wie keine andere ist sie begehrt. Mindestens 9000 Franken kostet eine. Wer sie sich leisten kann, aber nicht Victoria Beckham oder Jennifer Lopez heisst, wartet unter Umständen bis zu sechs Jahre auf ein Exemplar.

Hermès stellt die Tasche seit je in kleiner Stückzahl im Atelier in Paris her. Die offizielle Begründung: Der Aufwand, die Tasche herzustellen, sei sehr gross. Zwanzig Stunden dauere es, eine einzige Tasche aus allerfeinstem Leder von Hand zu fertigen. Entsprechend lang ist die Warteliste. Gerüchte besagen, es gebe sogar eine Warteliste für die Warteliste. Für Hermès wäre es kein Ding, die Tasche in grösserer Stückzahl herzustellen. Doch der Effekt der künstlichen Knappheit wirkt: Die Produktion eines bestimmten Guts wird bewusst unter der Nachfrage gehalten, um dessen Exklusivität zu sichern. Damit steigt das Begehren noch mehr.

Während die Namensgeberin die Tasche links liegen lässt, ist die Welt immer noch verrückt nach der «Birkin Bag».

Eine berühmte Namensgeberin, limitierte Stückzahl, ein exorbitanter Preis und zeitloser, schlichter Chic: Es sind diese ­Elemente, die eine Tasche zur Ikone avancieren lassen können. Nur wenige Designs schafften es bis heute zu diesem Status. Neben der «Birkin Bag» gehört die «Kelly Bag» von Hermès (benannt nach Grace Kelly) in diese illustre Runde, aber auch die ­«Lady Dior» (benannt nach Lady Diana), die «Sofia Bag» von Fer­ragamo (benannt nach Sophia Loren), die «Speedy» von Louis Vuitton und die «Chanel 2.55» mit der typischen rautenförmigen Steppung (Mattelassé-Muster) und den Schulterriemen aus Ketten- und Ledergliedern.

Die Qualität spielt auch eine Rolle. So gehört die «Chanel 2.55» zu den beliebtesten Erb­stücken überhaupt; nicht selten trifft man junge Frauen in der Schweiz mit der Tasche an, die schon ihre Oma getragen hat.

All diese Taschen wurden ­zwischen den 1950er- und den 1980er-Jahren designt. Nachdem die «Birkin» auf dem Markt erschienen war, sah es indes kurze Zeit danach aus, als ob das It-Bag-Phänomen der Vergangenheit angehörte. Zu Beginn der trashigen 1990er-Jahre riefen Mode­redaktoren gar das Ende der Taschen mit berühmten Namen aus. Sie lagen daneben. Bereits 1997 schaffte es das Modehaus Fendi, mit der «Baguette» einen Hit zu landen – nicht zuletzt, weil die kleine, äusserst funktionale Handtasche regelmässige Auftritte in der Serie «Sex and the ­City» hatte.

Der «Bucket Bag» fehlt nur noch eines zur Unsterblichkeit: ein Name.

2010 lancierte das britische Haus Mulberry das Modell «Alexa», um dem It-Girl Alexa Chung Tribut zu zollen. Die Schulter­tasche im College-Stil avancierte in wenigen Monaten zum Must-have-Accessoire der Prominenz, Mulberry schaffte den Durchbruch in der Modewelt. Die Briten setzen bis heute auf diese verkaufsfördernde Strategie. So folgten nach der «Alexa» die Taschen «Cara» (benannt nach Topmodel Cara Delevingne) und «Del Rey» (nach Sängerin Lana Del Rey).

Diese Reihe liesse sich beliebig fortsetzen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass keine der Kulttaschen der vergangenen Jahre den Ikonenstatus der «Birkin», der «Kelly» oder der «Lady Dior» erreicht hat. Vielleicht liegt es daran, dass die Auswahl zu gross ist, dass fast jedes Modehaus eine ­Tasche nach einem Star benennt. Und: Birkin, Kelly und Diana schweben in einer anderen Liga als Chung und Delevingne.

Minimalistisch,aber mit Maxi-Erfolg

Heute spielt bei den Modehäusern definitiv zu viel Kalkül mit. Das wiederum spricht für einen Lederbeutel zu einem vergleichsweise erschwinglichen Preis von etwa 600 Franken, der vor vier Jahren in New York das Licht der Welt erblickte: Die Designer ­Rachel Mansur und Floriana Gavriel brachten die «Bucket Bag» auf den Markt, die minimalistischer nicht sein könnte. «Back to Basics» lautet ihre Devise, und damit traf ihr Label Mansur Gavriel den Nerv der Zeit. Die Taschen waren schneller ausverkauft, als man «ausverkauft» sagen konnte.

In der Szene war von «birkinmässigen» Wartelisten die Rede, weil die kleine Manufaktur kaum nachkam mit der Produktion – auch hier entstand eine Knappheit, allerdings beruhte das anfänglich nicht auf einem bewussten Entscheid. Heute allerdings schon. Die «Bucket Bag» gehört zu den begehrtesten Accessoires derzeit. Jetzt fehlt ihr nur noch eines zur Unsterblichkeit: ein Name. Vielleicht sollten sich Mansur und Gavriel einfach mal in ein Flugzeug setzen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.11.2016, 13:42 Uhr

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