«Hier herrscht ein Wegwerfverbot»

Taschen aus Störleder und Wolle aus Bisonfell: Die Berner Designerin Sabina Brägger experimentiert gern mit ungenutzten Materialien. Ein Besuch in ihrem Atelier in einer Sattlerei in Bern.

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Wenn Sabina Brägger sagt, sie arbeite in Bern, stimmt das nur halb. Ländlicher als hier in Riedbach, Gemeinde Bern, gehts kaum. Da kommt kein Hipster zufällig vorbei, dafür winken einem regelmässig Traktorfahrer im Vorbeifahren zu.

Sabina Bräggers Atelier be­findet sich gegenüber einem ­Bauernhaus, im ehemaligen Laden einer Sattlerei. Mitten im Raum steht eine alte Ledernähmaschine, auf dem Arbeitstisch stapeln sich jede Menge Lederreste. Und im Regal steht ein grosses Bülacher Einmachglas.

Dort hat Sabina Brägger Fischhaut in Alkohol eingelegt. «Damit meine Kunden sehen, woraus Störleder entsteht», sagt die Textildesignerin und setzt sich an den alten Bistrotisch. Vor ihr ausgebreitet liegen dicke braune Wollknäuel. Und eine Strickprobe, so weich und fein, dass man sie immerzu befingern möchte.

Das ist Bisonwolle. Es ist das neueste Projekt der Bernerin, die ursprünglich aus Neuenegg stammt. Dafür ist die 27-Jährige soeben beim Ideenwettbewerb Swiss Cultural Challenge aus­gezeichnet worden. Die 10 000 Franken Preisgeld kann sie gut brauchen, denn nun geht es darum, diese neuartige Wolle marktfähig zu machen.

Sattler und Designerin

Vermutlich mag Sabina Brägger das Wort umtriebig nicht. Es würde in ihren Ohren zu berechnend klingen. Zweifellos ist sie fokussiert, zielstrebig. Und arbeits­wütig. Hat sie eine Idee, setzt sie sie um. Und nicht einfach mal für sich, da gibt es ein Konzept, da gibt es Zusammenarbeit mit grossen Firmen, da gibt es kein Grümschele. Sabina Brägger ist eine erfolgreiche Unternehmerin.

«Ich will nicht  für immer Frau Stör sein.»

Sabina Brägger

Das begann schon während der Ausbildung an der Luzerner Hochschule der Künste. Eines ihrer Projekte bestand daraus, Lederreste zu verwerten. Auf die Idee kam sie in der Sattlerei in Riedbach. Bräggers Grossvater stammt vom Bauernhof vis-à-vis. Seit ihrer Kindheit kannte sie den Ort. Nun fielen ihr die vielen Lederreste auf, die im Abfall lan­deten. Sie entwickelte ein modulares System, wie die Reste verwertet werden können.

Rudolf Aeberhardt, der Sattler, fand das toll – und beriet Brägger dabei, wie man am besten mit Leder arbeitet, er zeigte ihr, wie man die Maschinen bedient, und stellte sie ihr zur Verfügung. «Hier herrscht mittlerweile ein komplettes Wegwerfverbot», sagt die Designerin lachend. Seit Anfang 2016 ist die Sattlerei offiziell ihr Atelier. Aeberhardt arbeitet im Nebenraum, man teilt Maschinen und Ideen, hilft sich gegenseitig.

Faszinierende Fischhaut

Die Kollektion «Vych» aus Restleder hat sich seit dem Start 2013 gut etabliert. Doch Sabina Brägger wollte mehr. Und fand das Störleder. Bei einem Besuch im Frutiger Tropenhaus war ihrer Mutter aufgefallen, dass bei der Kaviarproduktion die Fischhaut in die Biogasanlage wanderte. Die Idee zu Sabina Bräggers Bachelorarbeit war geboren: ein ­edles Produkt aus Störleder zu entwickeln.

Denn Sabina Brägger hat einen Grundsatz: «Ich will hochwertige, exklusive und langlebige Produkte herstellen.» Heute arbeitet sie mit der jungen Luzerner Uhrenfirma Ochs und Junior zusammen – Brägger fertigt für sie wasserfeste Uhrenarmbänder aus dem korkähnlich aussehenden Störleder an. Auch Taschen aus Störleder, alles Einzelstücke, verkaufen sich gut. Die Preise dafür bewegen sich zwischen 290 und 1950 Franken.

Bisons aus Avenches und Genf

Jetzt kommt das Aber. «Ich will nicht für immer Frau Stör sein», sagt Brägger bestimmt. Dafür ist ihre Freude am Entwickeln zu gross, zu viele ungenutzte Materialien gibt es zu erschliessen. ­Bisonwolle ist so ein Material. Sie ist eine der leichtesten Wollarten, es gibt sie in unterschiedlicher Qualität, die feinste ähnelt Kaschmirwolle.

«Bisons haben  extrem viele Haare.»

Sabina Brägger

«Bisons haben extrem viele Haare», sagt Sabina Brägger. In der Schweiz gibt es nur eine Handvoll Züchter von Bisons für die Fleischproduktion. Werden sie geschlachtet, fällt die Wolle als Nebenprodukt an. Denn Bisons sind wild, man kann sie nicht wie ein Schaf scheren. «Momentan entwickeln wir Kratzbaumsysteme», erklärt die Designerin. So könne die Wolle einfacher ge­sammelt werden.

Es ist eine Testphase, bei der zwei Bisonzüchter in Avenches und Genf mitmachen. Nächstes Jahr sollen europaweit acht Züchter mit einbe­zogen werden. Das Ziel: 700 Kilogramm Bisonwolle herzustellen und zu verkaufen. Vorderhand plant die Designerin keine eigenen Produkte, sie könnte sich aber etwa vorstellen, modische Kleider zu machen, auch für Funktionskleidung würde sich Bisonwolle gut eignen.

Qualität und Nachhaltigkeit

Sabina Brägger will von Anfang bis Schluss bei der Produktion mit dabei sein. «Das ist mir megamegamegawichtig», sagt sie. «Ich muss bei jedem Arbeitsschritt wissen, wie er abläuft, wer dabei ist.» Es geht ihr um Qualität. Und um Nachhaltigkeit. Brägger: «Ich habe die Entscheidung getroffen: Ja, ich will Designerin sein. Aber so, dass ich es vertreten kann.»

Das gefällt auch in der Stadt. Und so taucht vor dem Schaufenster ab und zu ein Hipster auf, der seinen Störledergürtel persönlich abholen will.


Die Produktevon Sabina Brägger sind bis Ende April am Swiss Design Market, Zeughausgasse 27, Bern, zu sehen und zu kaufen. Infos: www.swissdesignmarket.ch, www.sabinabraegger.ch.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 25.03.2017, 14:07 Uhr

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