Heimspiel in Pristina

«Bern ist überall» – jetzt auch in Kosovo. Schafft es die Berner Spoken-Word-Formation, auch das ­kosovarische Publikum zu ­erobern? Verbindend wirken Englisch und Raki.

Der erste Auftritt in Pristina: Ariane von Graffenried am Mikrofon, Gerhard Meister links stehend. Ihre Texte werden albanisch übertitelt.

Der erste Auftritt in Pristina: Ariane von Graffenried am Mikrofon, Gerhard Meister links stehend. Ihre Texte werden albanisch übertitelt.

(Bild: Monsieur Jadis / zvg)

Marina Bolzli@Zimlisberg

«Krasniqi, Xhemaili, Misini, Sadiku»: Theaterautor Gerhard Meister kennt ganz viele albanische Nachnamen, dem Fussball sei Dank. Wortkünstlerin Ariane von Graffenried hat einen Text mit einem Refrain auf Albanisch geschrieben. Und Musikerin Maru Rieben hat gelernt, dass man in Kosovo spontaner plant, als sie es sich gewöhnt ist.

Seit einem halben Jahr hat die Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall» in der Hauptstadt Pristina eine Wohnung gemietet. Nun tritt sie – in wöchentlich wechselnder Formation – während dreier Wochen mit lokalen Autoren und Musikern auf. Es ist das Finale des Projekts «Kosovë is everywhere», das die Formation ins Leben gerufen hat, nachdem sie den Grossen Kulturpreis der Burgergemeinde Bern gewonnen hatte.

Die Gruppe setzt die 100'000 Franken für den kulturellen Dialog mit Kosovo ein. Schliesslich bestehen zwischen Kosovo und der Schweiz seit Jahrzehnten enge Beziehungen. Zuerst kamen Gastarbeiter, später Flüchtlinge, viele blieben, andere gingen zurück.

Lesung, Musik, Raki

Ja, und wie steht es nun mit dem kulturellen Dialog? «Gut», sagt Gerhard Meister und lacht. Seine heisere Stimme sei einer hartnäckigen Erkältung geschuldet, die er schon aus der Schweiz eingeschleppt habe. Und nicht etwa dem Raki, den er am Vorabend getrunken hat.

Am Vortag war Tourneeauftakt im Qendra Multimedia in Pristina. Da gab es ­gemeinsame Lesungen – und ­anschliessend «late night music and raki», wie dem Programm zu entnehmen ist. Wobei Perkussionistin Maru Rieben sagt: «Die verschiedenen Kulturen haben sich sehr gut vermischt, nur sind wir Schweizer uns nicht mehr gewohnt, dass drinnen geraucht wird.»

Das Kulturzentrum wird von Dramatiker Jeton Neziraj geleitet. In Bern ist er kein Unbekannter, in der vorletzten Saison hat er im Schlachthaus-Theater «Kosovo for Dummies» uraufgeführt. Ein Stück, das mit den Klischees von Migranten spielte. Neziraj war der Vermittler zwischen Bern ist überall und den lokalen Künstlerinnen und Künstlern in Kosovo. Ohne ihn wäre es schwierig gewesen, Autorinnen und ­Musiker zu finden, die zum Projekt passen. Denn die Art, wie die Autoren von «Bern ist überall» Texte vortragen, kennt man in Kosovo noch relativ wenig.

Sieben Sprachen

Nun kommen die verschiedensten Charaktere zusammen: Von der kosovarischen Dichterin über den Roma- und den serbischen Autor bis zur Bernerin Meral Kureyshi, die aus Kosovo stammt und dort zur türkischen Minderheit gehörte. Zusammen hat man geprobt, sich ausgetauscht, zum Teil auch gemeinsame Texte geschrieben. Es ist ein Sprachenmix, den die Formation schon ­immer gesucht hat: Hochdeutsch, Schweizerdeutsch und Französisch wechselten sich bei «Bern ist überall» bisher ab. Nun kamen noch Albanisch, Serbisch, Türkisch und Englisch als verbindende Sprache dazu.

Der Berner Gerhard Meister hat vor allem eng mit der kosovarischen Dichterin Ervina Halili zusammengearbeitet. Sie entwickelten auch einen Text, der mit Nachnamen spielt. «Halili übernimmt den Part mit den Schweizer Nachnamen, ich den mit den kosovarischen», erzählt er. Darum und wegen des Fussballs kennt er sich jetzt auf diesem Gebiet so gut aus.

Und so etwas kommt an. «Sehr gut» sei dieser erste Abend gelaufen, sagt Gerhard Meister. Es war auf gewisse Weise auch ein Heimspiel, in Pristina, wo die meisten der kosovarischen Künstler zu Hause sind und wo es auch viele Leute gibt, die Deutsch verstehen, weil sie mal in der Schweiz oder in Deutschland gelebt haben. «Zum ersten Auftritt kamen die Fans», sagt Meister. In den kommenden drei Wochen reist die Gruppe in die Provinz, Auftritte in Ferizaj, Prizren, Gjakova und Peja stehen an. Ein Experiment mit offenem Ausgang.

Virtuos, aber unpassend

Fast wichtiger als die Worte ist bei den kosovarischen Auftritten die Musik. Perkussionistin Maru Rieben bezeichnet sie als «zusätzliche Sprache, die von allen verstanden wird». Bei den Aufenthalten in der gemieteten Wohnung in Pristina war die Suche nach passenden Musikern ­ihre Hauptbeschäftigung. Sie gestaltete sich schwierig. «In Kosovo herrscht eine andere Musikkultur», sagt Rieben, «hier gibt es sehr viele Balkanhochzeitsmusiker. Die spielen äusserst virtuos, aber es ist nicht das, was ich suchte.» Schliesslich fand sie mit Art Lokaj und Drin Tashi zwei Musiker, die zu der Spoken-Word-Gruppe passen.

Fast grössere Sorgen bereitete Maru Rieben allerdings etwas ­anderes: «Die Kosovaren haben eine andere Planungsmentalität. Vor ein paar Wochen bat ich per Mail darum, dass man mir ein Schlagzeug für meine Auftritte organisieren solle. Die Anfrage blieb unbeantwortet. Dabei musste ich doch wissen, ob es klappt.»

Beim ersten Auftritt stand das Schlagzeug da. «Kosovaren sind gut im Improvisieren», sagt Rieben. Für Rieben und Meister ist das Projekt «eine riesige Freude». Ab nächstem Frühling ist geplant, dass die Formation mit kosovarischer Verstärkung eine Schweizer Tournee macht. Danach wird sich zeigen, ob das Projekt mehr war als eine einmalige Erfahrung.

Berner Zeitung

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