Grosse Emotionen zum Hören

In den USA boomen Podcasts. Langsam schwappt die Welle auch zu uns. Immer mehr deutschsprachige Podcasts werden produziert. Und sie konkurrieren mit dem Radio, denn sie sind emotionaler, spannender und persönlicher.

Ihr kriegt was auf die Ohren: Im deutschsprachigen Raum werden immer mehr Podcasts produziert – von Privaten und von Radiosendern.

Ihr kriegt was auf die Ohren: Im deutschsprachigen Raum werden immer mehr Podcasts produziert – von Privaten und von Radiosendern. Bild: Fotolia

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«Der Anfang ist entscheidend», sagt This Wachter. Der frühere Radiomann aus Bern spricht von Podcasts. Und betont: Man widme sich diesen Hörstücken nur, wenn der Einstieg spannend genug sei. Anders als beim Radio, wo das Publikum nach Lust und Laune und auch mitten in einer Sendung einschaltet.

Mit passender Musik

Sie kennen Podcasts nicht? Diese Hörserien lassen einen eintauchen in andere Welten, erzählen Geschichten, Krimis, Menschenschicksale aus persönlicher Sicht, mit Emotionen. Oft werden die Emotionen – ob traurig, fröhlich oder unheimlich– durch passende Musik verstärkt. Etwas, das am Radio kaum zu hören ist. Oder vereinfacht gesagt: Während Radio neutral und objektiv tönt, klingen Podcasts emotional und subjektiv. Während Radio im Hintergrund vor sich hindudelt, fordern Podcasts Aufmerksamkeit. Am besten mit Kopfhörern.

Millionen hören zu

Und sie bekommen Aufmerksamkeit. In den USA haben sie ein Millionenpublikum. Allen voran «Serial» – das ist gewissermassen der Superstar der Podcast und die erfolgreichste Hörserie aller Zeiten. In «Serial» geht es um einen wahren Mordfall. Journalistin Sarah König rollt den Mord an einer Highschoolschülerin auf und nimmt die Zuhörerschaft mit. Sie lässt das Aufnahmegerät bei Telefonaten, Interviews und gar bei Gesprächen mit dem als Mörder verurteilten Mitschüler laufen. Immer wieder teilt sie den Hörern ihre Zweifel über geäusserte Aussagen mit. Man fiebert mit, gibt sich ganz hin, will immer mehr erfahren.

«Ein Meer aus Podcasts»

Finanziert werden solche Podcast durch Stiftungen und Werbung – einem Millionenpublikum sei dank. Mittlerweile gibt es eine zweite Staffel von «Serial».

Der deutschsprachige Raum hinkte diesem Phänomen lange hinterher. Podcasts gibt es zwar schon lange, allerdings waren das oft als Podcast verfügbar gemachte Radiosendungen – oder privat und mit wenig Aufwand und Technik produzierte Podcasts für ein Nischenpublikum, bei denen zum Beispiel zu zweit ausufernd über neue Apple-Produkte oder alte Schallplatten gesprochen wurde.

Doch nun werden auch hier immer mehr aufwendige, von der Radioform losgelöste Podcasts produziert (siehe Tipps). Und mit der Digitalisierung, die es bald erlauben wird, dass Geräte nur aufgrund von Sprachbefehlen den neuesten Podcast abspielen, wird diese Dynamik noch zunehmen.

Seltene Schweizer Podcasts

Leider stammen die deutschsprachigen Podcasts fast ausnahmslos aus Deutschland, Schweizer Produktionen sind sehr selten. Und sogar wenn sie existieren, gibt es immer noch ein Problem: Sie werden nicht gefunden. Oder wie es Hörserienspezialist This Wachter formuliert: «Wie macht man sich bemerkbar in diesem Meer aus längst nicht nur guten Podcasts?»

Vor einem Jahr hat Wachter seinen Job beim Schweizer Radio SRF gekündigt, die erste Hälfte dieses Jahres verbrachte er mit seiner Familie in den USA, um mehr über Podcasts zu lernen. «Ich spürte die biologische Uhr», sagt der 51-Jährige, «andere bauen in einer solchen Situation ein Haus, ich wollte die Podcast-Welt ausprobieren.» Im Sommer kam er zurück nach Bern. Er hat sich in einer Büro­gemeinschaft eingemietet und hirnt über Ideen.

Zurück zum Radio will er nicht: «Jetzt habe ich extrem viele Freiheiten.» Im Radio seien die Entscheidungsstrukturen starrer, dadurch werde man gebremst. Es gebe fixe Längen, fixe Einstiege, fixe Formate. Auch Radio SRF pröbelt an neuartigen Podcast-Formaten herum, doch noch ist nichts spruchreif, die Mühlen mahlen langsam.

In der eigenen Sprache

This Wachter begeht Neuland. Auch wenn das risikoreicher ist. Er setzt voll auf die Karte Podcast. Und er hat für sich – als ehemaliger Newsradio-Journalist – die lebensnahen und emotionalen Geschichten entdeckt. So arbeitet er zum Beispiel an einer Audiostory über seinen Onkel, der nach 71 Jahren wieder mit seiner Jugendliebe zusammenkam. Ein persönliches und hoch emotionales Thema. Auf Schweizerdeutsch. Die Menschen in ihrer eigenen Sprache reden zu lassen, sei das Wichtigste und ein Grundsatz solcher Audiogeschichten, sagt Wachter. Auch wenn das in der Schweiz bedeutet, dass man auf ein Millionenpublikum verzichten muss. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.12.2017, 09:21 Uhr

Besserwissen: Was ist ein Podcast?

Einfach gesagt: Podcasts sind über das Internet abonnierbare Mediendateien. Das Wort ist zusammengesetzt aus «cast» für ­Broadcast (englisch für Übertragung) und «Pod» für iPod, dem ersten weitverbreiteten mobilen digitalen Abspielgerät. Podcasts kamen mit den ersten iPods auf und umfassten ursprünglich neben Audio- auch Videodateien. Der markenneutrale Name Netcast konnte sich später nicht durchsetzen. Ein einzelner Podcast besteht aus einer Serie von Medienbeiträgen (Episoden). Sie können unabhängig von einer Sendezeit gehört werden. Es gibt von Privaten und von Radiosendern produzierte Podcasts. Auch Medienunternehmen interessieren sich dafür, denn dank Smartphones sind Podcasts immer populärer geworden.

Tipps: Diese Podcasts lohnen sich

«Systemfehler» (Viertausendhertz): Viertausendhertz ist das erste deutschsprachige Podcast-Label. Es produziert mehrere Podcasts. «Systemfehler» von Labelmitgründer Christian Conradi widmet sich den Defekten dieser Welt. Das geht von technischen Geräten, die immer schneller kaputt gehen, über Essen, das weggeworfen wird, bis zum andauernden Lärm, dem «Klangschmutz». Zum Staunen, Aufregen und Lernen. Auf: Viertausendhertz.de

«Der Anhalter» (WDR): Schicksale über Randfiguren bewegen. Und die Geschichte von Heinrich Kurzrock klingt fast zu verworren, um wahr zu sein. Das finden auch die beiden Radioreporter, die den Todkranken unabhängig voneinander kennen gelernt haben, als er von Köln nach Zürich trampen wollte, um mit Dignitas zu sterben. Nach und nach erfahren die Hörer Kurzrocks Geschichte – ob alles stimmt, bleibt offen. Auf: reportage.wdr.de/der-anhalter

«Ein Mann für Mama» (BR und Brigitte): Diese Podcast-Serie wurde als Wettbewerbsidee eingereicht bei Radio Bayern 2. Magdalena Bienert sucht darin nach einem Mann für ihre über 70-jährige Mutter. Diese ist fit, humorvoll – und hat ganz schön Ansprüche. Das macht diesen Podcast witzig und unterhaltsam. So richtig ehrliche und unverblümte Mutter-Tochter-Gespräche. Und der Mann wird immer noch gesucht. Auf: www.br-online.de

«Mutti und ich» (Marietta Schwarz): Sehr liebevoll hat Marietta Schwarz in dieser Podcast-Serie ihre Mutter porträtiert: Eine Frau, 1938 geboren, die gerne studiert hätte und schliesslich in einem Vorort am Herd gelandet ist. Sehr persönlich und doch universell. Sehr berührend und auch immer wieder lustig. Zumal die Missverständnisse zwischen den Generationen nicht vom Tisch zu wischen sind. Die Serie umfasst elf Folgen. Auf: www.mutti-podcast.de

«Der talentierte Mr. Vossen» (NDR Info): Diese von NDR Info produzierte Podcast-Serie kommt den True-Crime-Serien in den USA sehr nahe. Sie stellt die Frage: Wie konnte der Deutsche Felix Vossen – in einem Internat in der Schweiz aufgewachsen und später nach London ausgewandert ­– so viele Menschen um so viel Geld betrügen? Eine hörenswerte Spurensuche in London, Hamburg, Gütersloh, Zürich und St. Moritz. Auf: www.ndr.de

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