Gottes Segnung kann warten

Hintergrund

William und Kate liessen ihren Prinzen George taufen. Viele junge Eltern hingegen verzichten auf eine Taufe. Sie wollen warten, bis die Kinder selbst darüber entscheiden können.

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Gabriela Braun@tagesanzeiger

Nach der Geburtsanzeige erhielten Freunde und Familie schon bald die Einladung zur Taufe. Noch vor 30 Jahren war es für die meisten Eltern klar, dass das Kind im Säuglingsalter getauft wurde. Die Eltern steckten das Kind in ein Taufkleid aus feinem Stoff, Gotte und Götti übergaben den Eltern einen ersten Batzen für das Kindersparheft – und die Familie feierte im kleinen Kreis die Aufnahme des Kindes in die Kirche. Doch die Tauftradition hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Es ist keineswegs mehr selbstverständlich, dass die Eltern ihr Kind nach der Geburt zur Taufe anmelden.

Dies bekommt auch die katholische Pfarrei St. Gallus in Zürich-Schwamendingen zu spüren: Etwa ein Drittel der Anmeldeformulare, welche die Pfarrei an die Eltern eines Neugeborenen verschickt, bleibt unbeantwortet. Gemäss dem dort tätigen Pfarrer Alfred Böni steigt die Tendenz, die Kinder ungetauft zu lassen, weiter an. «Viele dieser Eltern sagen, sie wünschten, dass ihre Kinder frei von kirchlichen Verpflichtungen aufwachsen», so der Pfarrer. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder als Jugendliche selbst entscheiden können, ob sie der Kirche beitreten möchten.

Alfred Böni, der seit 40 Jahren als katholischer Pfarrer amtet, bereitet diese Einstellung zur Taufe Sorgen. Er wundert sich, weshalb Eltern die Entscheidung zur Taufe nicht für ihre Kinder übernehmen wollen. In anderen Belangen würden sie dies auch tun. Der Pfarrer glaubt, die Eltern, wie auch die heranwachsenden Kinder, verpassten so eine Chance. «Sie versäumen es, die Kinder in Sachen Religion bewusst zu begleiten und sich mit dem Glauben auseinanderzusetzen.» Alfred Böni begründet das nachlassende Interesse an Hochzeiten wie auch an Taufen «mit dem Wunsch vieler Menschen nach Unverbindlichkeit».

Auch die reformierte Kirche des Kantons Zürich stellt einen Rückgang der Taufen fest. Wie viele Kinder von Kirchenmitgliedern ungetauft bleiben, weiss man nicht. Zahlen gibt es dazu keine. Für einen Rückgang der Taufen in totalen Zahlen macht ihr Sprecher Nicolas Mori die Kirchenaustritte der letzten Jahre verantwortlich: Seit den 80er-Jahren hat die reformierte Kirche des Kantons ein Viertel ihrer Mitglieder verloren. Hatte man in den 80er-Jahren über 614'000, verzeichnete man im Jahr 2010 noch 473'000 Mitglieder.

Doch Mori macht für das geringere Interesse an Taufen auch die stärkere Individualisierung der Gesellschaft geltend. Gewisse Eltern wollten das Kind nicht taufen lassen, ihm jedoch mit einer Kindersegnung trotzdem den Segen Gottes geben. Die Kirche führe in einem solchen Fall eine Kindersegnung durch. Wollten sich ungetaufte Kinder im Jugendalter doch noch taufen lassen, könnten sie dies gleichzeitig mit der Konfirmation tun. In der reformierten Kirche gibt man sich zudem kulant, was den Kirchenstatus der Eltern angeht. Denn auch wenn sie kein Mitglied der Kirche sind, können sie ihr Kind taufen lassen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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